Du musst. Einen Sch*** muass i!

Du musst. Einen Sch*** muass i!

23. Juni 2018 0 Von Natascha Marakovits

Ist man –  so wie ich – die kleine Schwester, wird man in der Regel gerne mal auf den Arm genommen – sprich verarscht. In meinem Fall trennen meinen Bruder und mich sechs Jahre. Als kleines Mädchen sind sechs Jahre Welten. Welten der Bewunderung. Während er mit dem Auto bereits die Discos in der Umgebung abklappert, liege ich im Pyjama längst in den Federn und träume von der Freiheit auf vier Rädern. Mein großer Bruder war damals mein Hero.

In einer Sache erntete er besonders viel Bewunderung von mir: seinem Zeichentalent. Wenn er sich Block und Stift schnappte, ist stets ein kleines Kunstwerk am Papier entstanden. Mit seiner Vorliebe für Details hauchte er Porträts Leben ein. Immer wieder versuchte ich, es ihm nachzumachen. Immer wieder scheiterte ich. Lange Zeit gab ich nicht auf, probierte es wieder und wieder. Bis es mir schließlich irgendwann keinen Spaß mehr machte. Wenn sich all die Mühe nicht lohnt, man den Bleistift spitzt und spitzt, es am Ende aber doch nur für ein Porträt reicht, auf dem alles zu erkennen ist, nur nicht der porträtierte Mensch, dann heißt es sich einzugestehen: Talent zum Zeichnen? Fehlanzeige. Aber genug davon. Das hier ist schließlich ein Laufblog und keine Malstunde.

Talentfrei

Vier Wochen sind nun seit dem Frauenlauf im Wiener Prater vergangen. Dem Tag, auf den ich vier Monate hintrainiert hatte. Der Traum von einer neuen persönlichen Bestzeit auf 10 km zerplatzte bereits nach sechs wie eine Seifenblase. Die genaueren Umstände sind hier nachzulesen. Die Luft war also kurz nach der Hälfte draußen und im Endeffekt war ich einfach nur froh, endlich die Ziellinie erreicht zu haben.

Die Monate davor waren geprägt vom an, aber vor allem über die Grenzen gehen. Meiner Grenze. Ich hatte die 10k Challenge im Nachhinein nicht umsonst als die härteste Challenge meines Läuferlebens bezeichnet. Es war ein bisschen so wie beim Zeichnen als kleines Mädchen. Während ich anfangs übermotiviert ans Werk ging, erkannte ich Schritt für Schritt, dass das Ergebnis nicht so aussehen wird, wie die Vorstellung in meinem Kopf. Der Leistungssprung blieb aus.

Warum tue ich das eigentlich? Fragen wie diese schwirrten in meinem Kopf herum. Ist es mein Bedürfnis, mein Wunsch? Oder sind es die Erwartungen anderer, denen ich gerecht werden will? Bin ich mit dem Herzen bei der Sache? Oder geht es mir eigentlich um etwas anderes? Mein Ziel war es, die Challenge als Tempo-Basis für das kommende Marathontraining zu nehmen. Das war meine Motivation, der Grund, warum ich mich beworben hatte. Ich wollte schneller werden, ja. Aber um jeden Preis? Bringt es mich voran?

Kopfmensch

Obwohl die Psychologie in meinem Leben eine wesentliche Rolle spielt, die Überhand hat so gut wie immer der Kopf. Dieser hat die Zügel in der Hand und lenkt das Pferd auf seinem Weg. Eigentlich wäre ich bereits im Frühjahr lieber einen Marathon gelaufen. Der Kopf hat damals anders entschieden. Ebenso wie am Ende der 10k Challenge der Kopf gesiegt und das Bauchgefühl, dass ich es nicht schaffen könnte, einfach verdrängt. Ich habe im Training und am 27. Mai alles gegeben und bin im Endeffekt froh, dass ich es durchgezogen habe. Wenn auch das Ergebnis alles andere als zufriedenstellend war.

Und heute? Vier Wochen sind seither vergangen. Vier Wochen in denen ich mich eigentlich schon wieder verplant hatte. Mein Bauch sagte, lass mal gut sein. Der Kopf hingegen wollte es auf Teufel komm raus wissen und fasste die nächsten Wettkämpfe ins Auge: Die 5 km beim Frauenlauf Grafenegg und den 10er beim Badener Stadtlauf. So zumindest war der Plan.

Die Wettkämpfe zwar im Kopf, dennoch nach Lust und Laune einfach laufen lassen, lautete das Motto in der ersten Woche nach dem Frauenlauf. Es machte richtig, richtig Spaß. Intervalle, Fahrtspiel und Longjog – ich war mit vollem Herzen bei der Sache. Mit den nach-Lust-und-Laune-Läufen tauchte bald die Frage auf: was ist der Unterschied? Ich mag es, mich zu fordern, ja. Doch es braucht eine Balance. Die Forderung darf nicht zur Überforderung werden. Dann kippt es nämlich.

Mit zunehmenden Spaß verabschiedete sich bald mein Plan beim Frauenlauf Grafenegg teilzunehmen. Zu heiß. Willkommene Ausrede. Stattdessen ließ ich es einfach laufen und hatte nach langer Zeit erstmals wieder eine 100 km-Woche. Gibt ja schließlich eh noch den 10er in Baden. Doch je näher der Termin rückte, umso mehr haderte ich: soll ich, soll ich nicht? Ja, nein? Schlussendlich hakte ich das Vorhaben ab. Aus einem einfachen Grund: Ich hatte keine Lust. Punkt. Warum sich zu etwas zwingen, das man eigentlich nicht mag? Warum soll ich mich bei einem 10er quälen, wenn ich eigentlich viel lieber einen Longjog auf der Donauinsel mache?

In den vier Monaten Training für die 10k Challenge und dem Wettkampf selbst habe ich eine für mich sehr wichtige Erfahrung gemacht: Es bringt nichts, wenn man auf Biegen und Brechen etwas versucht, wofür man augenscheinlich kein Talent mitbringt. Mein Bruder wird immer besser zeichnen, auch wenn ich noch so oft den Bleistift spitze und es ihm nachzumachen versuche. Aufs Laufen umgelegt: Ich mag Herausforderungen, auch beim Laufen oder gerade beim Laufen. Aber wenn Mühen nie belohnt werden, zerrinnt selbst die größte Portion Motivation irgendwann einmal wie eine Tüte Eis in der Sommersonne.

Kleine ganz groß

„Nur wer riskiert, zu weit zu gehen, kann überhaupt herausfinden, wie weit er gehen kann.“ Literaturnobelpreisträger T. S. Eliot beschreibt mit diesem Satz sehr gut, was ich aus den vier Monaten 10k Challenge mitgenommen habe. Ich bin zu weit gegangen. Aber rechtzeitig stehengeblieben. Jetzt geht es auf einem anderen Weg weiter. Wieder auf 42,195 Kilometer. Das Herz hat endlich über den Kopf gesiegt und die Zügel in die Hand genommen. „Du musst auf den kurzen schneller werden.“ Wie oft habe ich das gehört. Die Antwort liefern Pizzera & Jaus: „Einen Scheiß muass i!“ oder, um es weniger – wie wir Wiener sagen – oag auszudrücken: Do what you love and love what you do!

Deshalb ist es heute übrigens auch umgekehrt. Die kleine Schwester wird vom großen Bruder bewundert. Weil sie Marathon läuft. Das findet er ganz groß.