We believe in you! Ein Lauftreff spendet für den Traum eines Spitzenläufers

We believe in you! Ein Lauftreff spendet für den Traum eines Spitzenläufers

3. November 2018 0 Von Natascha Marakovits

Man kann in 2 Stunden und 13 Minuten einen ersten Halbmarathon laufen (rechnet man zehn Minuten dazu, sind wir bei meiner Premiere 2012). Man kann in 2 Stunden und 13 Minuten aber auch zur ersten EM-Medaille im Marathon-Teambewerb laufen. Die Rede ist von Lemawork Ketema – einem der besten Läufer Österreichs. Lema ist aber nicht nur Topathlet, er ist auch Flüchtling und daher mit finanziellen Rücklagen bzw. etwaiger Unterstützung von Seiten der Familie nicht sonderlich gut bis gar nicht ausgestattet. Genau das ist derzeit der Knackpunkt, wenn es um seine weitere sportliche Karriere geht.

Lemawork Ketema stammt aus Äthiopien. Eine Einladung zum Salzburg Marathon im Jahr 2013 hat sein Leben für immer verändert: Lema suchte in Österreich um Asyl an und hat nach positivem Bescheid in Österreich seine neue Heimat gefunden. Kollege Tom Rottenberg hat über den Ausnahmesportler bereits mehrmals geschrieben, unter anderem hier.

Frühlauftreff Rollover Schönbrunn

Trainer Harald Fritz erkannte Lemas Talent und nahm sich seiner an. Die sportlichen Erfolge können sich seither sehen lassen: Mit seiner Marathonzeit von 2:13:22 belegte er bei der Leichtathletik EM in Berlin im August 2018 den 8. Platz und holte gemeinsam mit Peter Herzog und Christian Steinhammer die Bronzemedaille im Team. Der 5. Platz wurde es beim diesjährigen Linz Marathon. Zudem ist er zweifacher globaler Wings for Life World Run Gewinner und unter anderem österreichischer Staatsmeister im Halbmarathon 2017 und 2018. Lema ist auf der Erfolgsspur und dennoch hat der 32-Jährige zu kämpfen. Nämlich damit, sich seinen Traum von der Teilnahme bei den Olympischen Spielen in Tokio 2020 zu finanzieren.

Spenden sammeln

Mittels Crowdfounding versucht er nun finanzielle Mittel für seine Vorbereitung zu lukrieren. Trainingslager, Wettkämpfe, Trainer, Therapeuten – die Kosten würden pro Saison rund 25.000 Euro betragen. Viel Geld für Lema, der klarstellt: „Seit ich im Jahr 2013 in Österreich Asyl bekommen habe, habe ich noch nie einen Euro aus dem Sozialtopf genommen, denn meine Einstellung ist: ‚Ich habe einen Job, ich bin Läufer‘. Ich bin sehr froh und dankbar, Menschen um mich zu haben, die mir helfen vereinzelt Gelder für meine Saison zu bekommen, eine strukturierte Jahresplanung ist aber leider nie möglich“, schreibt er auf seiner Spendenseite „I believe in you“.

Treffpunkt Meidlinger Tor

Szenenwechsel. Donnerstags, 6.30 Uhr, Meidlinger Tor beim Schloss Schönbrunn. Vor etwas mehr als drei Jahren hat Jean-Marie Welbes den Lauftreff „Rollover Schönbrunn“ ins Leben gerufen. Seither versammeln sich Donnerstag für Donnerstag mal mehr (in der Regel in den Sommermonaten), mal weniger (finster, kalt oder schlicht verschlafen) Läufer pünktlich zum gemeinsamen Schwitzen. Gemeinsam geht es die Serpentinen zur Gloriette rauf und runter. Eine halbe Stunde lang, jeder in seinem Tempo. Der Lauftreff kommt gut an, denn Jean-Marie und seine Truppe sind sehr einfallsreich: jeder Donnerstag steht unter einem anderen Motto. Sei es wie zuletzt der ein Frühlauftreff zum „Weltnudeltag“, „Flink in Pink“ oder zum „Weltyogatag“ – der Kreativität sind (fast) keine Grenzen gesetzt.

„Lema ist ein außergewöhnlicher Sportler”

Am vergangenen Donnerstag, zu Allerheiligen, kam zwar der Spaß auch nicht zu kurz, das Motto war jedoch eines mit einem ernsteren Hintergrund und zugleich einem prominenten Gast: Lemawork Ketema. Jean-Marie und seine Frühlauftruppe hatten im Rahmen von Lemas Aktion „I believe in you” Spenden für den Profiläufer gesammelt. Die Motivation dahinter: „Weil ich aus diversen Berichten weiß, wie schlecht der Ausdauersport in Österreich unterstützt wird. Lema ist ein außergewöhnlicher Sportler mit Charisma und es wäre schade, wenn es nur am Geld liegen würde, dass er sein Ziel nicht erreicht. Mein Freundeskreis besteht aus vielen laufverückten Menschen, daher hoffte ich, dass ich bei denen auf Resonanz stoßen würde, was auch geschehen ist.“

Jean-Marie mit Lema

Jean-Maries machte sich seine Gedanken. „Es gab da einmal einen Zeitungsartikel, in dem sein Trainer Harald Fritz gesagt hatte, dass Ketema nach der Wettkampfsaison quasi pleite ist. Damals habe ich mich schon gefragt, ob man da nicht helfen könnte. Dann gab es denselben Gedanken von anderen Usern, die auch geschrieben haben, dass eine Art Kickstarter-Kampagne doch super wäre. Leider ist das dann aber in Vergessenheit geraten, bis dann eben die Aktion ‚I believe in you‘ ins Leben gerufen wurde. Für gewisse Spenden gab es Belohnungen – es war aber nichts dabei, das mich angesprochen hätte.“ Da sei ihm der Einfall gekommen, bei Lemas Trainer Fritz nachzufragen, ob es nicht eine andere Belohnung geben könnte. „Also haben wir ausgemacht, ab 1.000 Euro würde Lema zu uns zum Frühlauftreff kommen und mit uns eine Trainingssession machen. So hat es seinen Lauf genommen“, erzählt Jean-Marie.

Ursprüngliches Ziel mehr als verdoppelt

1000 Euro war also das gesteckte Ziel. Insgesamt haben sich laut Jean-Marie 41 Leute vom Frühlauftreff beteiligt. „Schlussendlich haben wir 2210 Euro gesammelt“, sagt er und ergänzt: „Leider waren am Donnerstag viele verhindert. Sei es wegen Feiertag oder einige, die den New-York Marathon laufen. Sie wollten trotzdem spenden, obwohl sie keine Belohnung dafür bekamen.“ Und was sagt eigentlich der Hauptdarsteller zur Aktion? „Ich habe mich sehr gefreut und sehr viele nette Menschen kennengelernt. Es war eine unglaublich schöne Stimmung”, sagt Lema.

Allgemein würde sich Jean-Marie wünschen, dass der Leichtathletik in Österreich mehr Beachtung geschenkt werden würde: „Es braucht meiner Meinung nach definitiv mehr Unterstützung in Randsportarten wie Ausdauersport. Ich finde es eine Fehlentwicklung, dass nur in Sportarten investiert wird wo man eh schon dominiert.”

Es war übrigens nicht die erste Spendenaktion vom Frühlauftreff. „Vor nicht allzu langer Zeit hatten wir eine Sammlung für eine Rosenpatenschaft in Schönbrunn. Wir genießen die Rosen so oft, da dachte ich, dass wir das auch mal unterstützen müssen. Da waren wir auch ca. 30 Leute die zusammengelegt haben. 650 Euro sind zusammengekommen. Nun haben wir eine eigene Rose für zehn Jahre.”

Die offizielle “Scheckübergabe”

Die Aktion von Rollover Schönbrunn wurde mit dem Belohnungslauf beendet. Für Lema geht das Sammeln hingegen weiter. 14 Tage kann auf der offiziellen Seite noch gespendet werden. Bisher gibt es 84 Unterstützer, die insgesamt 13.970 Euro für Lemas Weg nach Tokio bereitgestellt haben. 15.000 Euro sind als Ziel definiert. Ob er es schafft?