Ein gerissenes Kreuzband zerplatzt einen Traum

Ein gerissenes Kreuzband zerplatzt einen Traum

24. November 2018 2 Von Natascha Marakovits

„Ich wünsche mir jeden Tag, dass sich der Schritt endlich wieder normal anfühlt und der gefühlte Beton aus meinem Knie endlich verschwindet. Ich will mich einfach wieder frei bewegen. Wo ist diese Wunderheilung?“ Diese Worte stammen von einem Blogeintrag vom 18. März 2018. Vier Wochen vorm Boston Marathon. Dem Marathon, auf den der Verfasser so lange hingearbeitet hatte, es schlussendlich aber ganz anders gekommen ist.

In fünf Wochen geht das Jahr 2018 zu Ende. Es ist daher noch zu früh für einen Jahresrückblick – meinen Jahresrückblick. Aber es ist an der Zeit, jemanden, der mich in diesem Jahr besonders beeindruckt hat, vor den Vorhang zu holen: Peter. Der Wiener hat einen Laufblog (Peterslaufblog). Das ist aber gar nicht der Grund warum wir uns kennen. Ich weiß auch gar nicht mehr, was uns zusammengeführt hat. Ich glaube, das gute, alte Strava war es, das uns irgendwann auch im realen Leben miteinander verbunden hat. Da Peter in der Nähe wohnt, drehen wir ab und zu, wenn es Zeit und Pläne zulassen, eine gemeinsame Morgenrunde. „Ich möchte mich für Boston qualifizieren. Dafür muss ich unter 3:15, bestenfalls unter 3:12 laufen, um einen sicheren Startplatz zu bekommen“, erzählte er mir eines Tages. Ich merkte die Begeisterung in seiner Stimme. Peter ist ein erfahrender Marathonläufer. 14 Mal ist er die 42,195 Kilometer schon gelaufen. New York, London, Berlin, Frankfurt – Peter hat schon viel erlebt. Ein Lauf hat es ihm aber besonders angetan: Boston.

23. April 2017: Das große Glück

„2:57:15. Boston, ich komme!“ Ein schlichtes Facebook-Posting mit ein paar Zahlen und drei Worten. Mehr nicht. Es war der 23. April 2017. Ein Tag, den Peter niemals vergessen wird und über den er wahrscheinlich einen Roman hätte schreiben können, so viele Gedanken und Gefühle gingen durch seinen Kopf. Die monatelange Vorbereitung, die harten Trainings, die Disziplin, die es dafür braucht und ein Ende, das viel mehr war als nur ein paar Zahlen und drei Worte. Die Anspannung, der Druck, all die Zweifel fielen an diesem Sonntag im April nach zwei Stunden, 57 Minuten und 15 Sekunden von ihm ab. Er hatte beim Hamburg Marathon sein großes Ziel erreicht: die Boston-Quali in der Tasche bzw. in Form einer Medaille um den Hals.

Rund ein Jahr später, am 16. April 2018, wollte er den Heartbreak Hill in Angriff nehmen. Doch es sollte nicht der gefürchtete Hügel bei Kilometer 32 sein, der Peter in die Knie zwingen und sein Herz brechen würde.

27. Jänner 2018: Goodbye Boston

„Boston, we have a problem!“ Wieder nur ein Satz. Dazu ein Bild, das mehr als tausend Worte sagt: Zwei Beine samt Krücken sind zu sehen. Schaut nicht gut aus. Was man auf dem Foto nicht gleich erkennt: Peter sitzt im Krankenhaus. Diagnose Kreuzbandriss. Das Posting stammt vom 27. Jänner 2018. Ein Tag, den Peter ebenfalls sein Leben lang nicht vergessen wird. Nur sechs Tage zuvor hat er noch seinen 35 Kilometer Trainingslauf mit dem Hashtag Boston2018 gepostet. Und jetzt? Ein Skiunfall ließ seinen Traum platzen wie eine Seifenblase. Dass er in elf Wochen einen Marathon laufen kann, ist unmöglich.

Was folgten waren OP, Physiotherapie und vor allem eines: eine lange Laufpause. Den Boston Marathon hat er trotzdem miterlebt. Als Zuschauer. „Es war verdammt hart vor Ort zu sein, aber was soll man machen, wenn alles schon längst gebucht ist.“ Statt einer Finisher-Medaille gab’s zumindest ein paar Boston Souvenirs. „Das ist echt gigantisch dort. Die Amis wissen, wie man einen Marathon aufzieht“, erzählt er mir danach.

26. August 2018: Die ersten 30 km

„Ich war der glücklichste Mensch auf Erden. Ich lebte wieder. Der Schweiß auf meiner Stirn nach dieser Runde erfühlte mich mit Stolz. Ich war wieder ein Sportler“, schrieb Peter am 26. August. 15 Wochen nach der Operation der erste zaghafte Versuch. 15 Wochen, in denen der Wiener hart an sich gearbeitet hatte: „Meine Physiotherapeutin Maria forderte mich und hat großen Anteil an der raschen Genesung. Zusätzlich sind es aber auch die persönlichen Attribute wie Disziplin und Konsequenz, die zu einer raschen Genesung beigetragen haben. Ich legte – wie bei einer Marathonvorbereitung – sehr viel Wert darauf, dass die verordneten Trainings auch eingehalten und absolviert wurden“, schreibt er in seinem Blog. Und weiter: „Seit diesem ersten Lauf sind nun 3 Monate verstrichen. Heute habe ich wieder den ersten 30 km Lauf absolviert. Es war herrlich und ich bin super happy.“

„Die Zeit bis zum Wiedereinstieg war ein Auf und Ab, das wohl jeder durchläuft. Der Wunsch nach schnellerer Heilung treibt einen an, nur es gibt sie nicht. Rückschläge gehören ebenso dazu wie Höhenflüge. Die mentale Komponente ist für einen raschen Wiedereinstieg nicht zu unterschätzen. Ständiges Jammern und Selbstmitleid werden eine rasche Genesung nicht fördern“, meint er.

28. April 2019: Auf ein Neues

Deshalb hat sich der 40-Jährige auch sehr schnell wieder ein Ziel gefasst: Er möchte nicht nur wieder laufen, sondern er möchte sich das holen, das ihm durch den Unfall verwehrt wurde: Boston! Dafür muss er sich nochmals qualifizieren. „Ich laufe wieder in Hamburg nächstes Jahr. Boston, ich komme! Nicht nur als Zuschauer, sondern als Läufer.“

Peter wird in Hamburg also wieder auf der Jagd nach seiner Quali- und vielleicht sogar Bestzeit sein. Genau wie im April 2017. Und dennoch wird es im kommenden Jahr ganz anders sein. „So eine Verletzung erinnert dich wieder, warum du läufst: Kopf frei bekommen, Stress bewältigen und für ein positives Körpergefühl und die Seele. Zeiten sind plötzlich komplett sekundär”, betont er. „Ich nehme aus diesem Jahr mit, dass man die Hochs noch intensiver erleben soll und noch mehr Demut haben muss, wenn man gesund ist. Wenn du nach der OP hörst, dass du eigentlich nicht mehr laufen sollst, bist du noch dankbarer für jeden Kilometer.”

 

Wer Peters Geschichte ausführlicher lesen möchte: Peterslaufblog