Ein großes Herz fürs Laufen

Ein großes Herz fürs Laufen

16. März 2019 0 Von Natascha Marakovits

„Natascha, machst du 5:30?“ Ja, passt. „Nils 6:00?“ Kopfnicken. „Alex 6:30 und Simone und Angie 7:30? Dann mache ich heute die 7:00 und könnte so auch einmal weiter hinten dabei sein.“ Allgemeine Zustimmung, nur Trainerin Alex fragt mit einem Augenzwinkern: „7:00? Schaffst du das, Carsten?“ Carsten Eich, ehemaliger deutscher Profiläufer, heute Trainer und unter anderem Organisator der Laufreisen von und mit Laufen.de, lacht. „Ja klar, das geht besser, als ich müsste heute einen 3:30er Schnitt laufen“, scherzt er. Mit einer Zeit von 1:00:34 hält Carsten Eich seit 1993 den deutschen Rekord im Halbmarathon. Seine Bestzeit im Marathon lief er am 25. April 1999 in einer Zeit von 2:10:22 in Hamburg. „In meiner aktiven Zeit lag mein Tempo beim ruhigen Dauerlauf zwischen 3:45 und 4:00 am Kilometer“, erzählt er. Heute soll er beinahe doppelt so langsam laufen. Für den Ex-Profi kein Problem. Im Gegenteil. Der deutsche Rekordhalter gibt sich nahbar, hat für jedes Anliegen ein offenes Ohr und vor allem: Für ihn ist jeder ein Läufer – egal auf welchem Level. Das merken wir Coaches und vor allem die Teilnehmer.

„Ich habe auch nur die Namen und Adressen und kann dir daher nicht sagen, welche Leistungsklassen wir haben werden. Ich nehme aber an, dass es eher ambitionierte Läufer sind, da bei dem Camp auch Startplätze für den Berliner Halbmarathon und den Berlin Marathon gebucht werden können.“ Als ich mit Carsten einige Wochen vorm Premium Laufcamp von Laufen.de telefoniere, war ich natürlich neugierig: Wer ist dabei? Wie läuft das ab? Was ist meine Aufgabe? Je näher der Termin rückte, umso aufgeregter wurde ich: Welche Pace muss ich laufen können? Sind alle superschnell und ich hechle als Pacerin hinterher? Was dann? Auch wenige Tage vor Abflug konnte mir Carsten keine Antwort darauf geben. Und so begann das ungewisse Abenteuer: erstes Laufcamp überhaupt. Und dann nicht als Teilnehmerin, sondern als eine von insgesamt sieben Coaches, die sich vom 2. bis 9. März in Monte Gordo, im sonnigen Portugal, um das Wohlergehen der Teilnehmer kümmern sollte.

Mein Plan: kein Plan

Was für mich in dieser Woche schon lange vorher Thema war: Wie bekomme ich es hin, dass die Laufeinheiten zu meinem Training passen? Sprich, ich nicht nur leere Kilometer mache, sondern auch etwas davon habe. Schwierig, wenn man so gar nicht weiß, was und vor allem wer da auf einen zukommt. Mein Trainingsplan wurde für diese Woche daher auf Eis gelegt, nur eine Einheit war meinem Coach wichtig: „Den Longjog musst du irgendwann am Wochenende unterkriegen, alles andere ist mir relativ wurscht. Minimum sind 30, ideal 35 Kilometer. Und vielleicht schaffst du es auch bei den Intervallen am Donnerstag, dass du etwas davon hast, wenn nicht, ist es aber auch nicht schlimm. Du warst jetzt so super drauf, da schadet es auch nicht, wenn der Rest easy ist.“ Das war ne Ansage. Nahm mir den Stress, denn was am Plan steht, wird in der Regel gemacht.

Während wir sieben Coaches bereits am Donnerstag bzw. Freitag anreisten, trudelten die Camp-Teilnehmer erst am Samstag ein. Vom Timing für den Longjog passte der Samstag daher perfekt, da an diesem Tag sonst nichts weiter auf dem Programm stand. Meine Begeisterung hielt sich am Vortag noch in Grenzen, doch es hilft ja nichts: was mut dat mut, zumindest wenn man im Marathontraining ist. Mit 22 Grad sollte es der wärmste Tag der Woche werden, also möglichst früh los. Außerdem hatten wir zu Mittag Teambesprechung, da sollte ich möglichst wieder ansprechbar sein. Samstag, 2. März, sieben Uhr: los. Drei Stunden und 19 Minuten später konnte ich ein müdes, aber glückliches Häkchen unter den „Must Run“ setzen. Yes. Gut gemeistert. Jetzt konnte die Woche beginnen.

Bei der anschließenden Teambesprechung war ich tatsächlich wieder unter den Lebenden und so konnte ich auf die Frage, was ich mir denn ungefähr vorstelle laufen zu können, meinen Wunsch äußern, eher die Flotteren zu pacen – sprich wenn möglich nicht oder nicht oft über 6:00. Sowohl Carsten, als auch die anderen Teammitglieder hatten glücklicherweise Verständnis dafür, denn niemand außer mir trainierte derzeit auf ein Ziel hin. Danke nochmals!

Nach einem gemütlichen Abend folgte am Sonntag der Härtetest für die 34 Teilnehmer: Die Leistungsdiagnostik des Medical Teams des SCC Berlin stand an. Wir Coaches wollten schließlich knallharte Fakten und alles schwarz auf weiß haben. Scherz. Die Leistungsdiagnostik war genauso wie das Angebot, einen Startplatz in Berlin bekommen zu können, erstmalig im Camp für jeden Teilnehmer inkludiert. Angenehmer Nebeneffekt: Die Gruppeneinteilung wurde dadurch um einiges einfacher. Sprich, etwaige Angaben, das ruhige Dauerlauftempo entspricht einer 4er Pace wurden von vornherein eliminiert. Und auch meine Befürchtung eventuell nicht mithalten zu können, stellte sich schnell als unbegründet heraus. Denn vom Anfänger bis zum Ultraläufer war alles dabei. Eine Mischung, die es im Endeffekt so spannend machte. 34 unterschiedliche Menschen, die allesamt eines gemeinsam haben: die Freude am Laufen.

Headcoach Carsten Eich hatte alles perfekt organisiert und dennoch blieb bis zuletzt eine große Frage offen: Wer sind die Teilnehmer?

Christian, der Schnellste

„Die schnellste Gruppe mit 5:30, vielleicht eine Spur schneller und etwas länger macht heute Natascha“, sagt Carsten. Der letzte Tag war angebrochen. Heute sollte es die große Hafenrunde mit rund 14 Kilometern als Abschlusslauf geben. Zögerlich lösen sich zwei Männer aus dem bunten Haufen vor dem Hoteleingang. Christian und Gideon wollen sich mir anschließen, alle anderen gehen es lieber gemütlicher an. Wir laufen los, die Pace pendelt sich um die 5:20 ein. Christian zieht, für Gideon passt’s auch und ich ergebe mich dem Gruppenzwang 😉

Christian ist mit Abstand der Schnellste unter den Teilnehmern. Ein paar Tage zuvor kam er deshalb in den Genuss, quasi eine Privatstunde mit Carsten zu bekommen. 5:00 beim lockeren Dauerlauf schüttelt sonst niemand in der Gruppe so locker aus den Beinen. Gemeinsam mit seiner Frau Lisa ist er zum ersten Mal bei einem Laufcamp dabei, um wie er sagt „laufenderweise eine schöne Woche in unbekanntem Terrain zu verbringen, dabei viele nette Leute kennenzulernen und hilfreiche Trainingstipps zu erhalten“.

Der 32-Jährige hat bereits Marathonerfahrung. „Meinen ersten bin ich 2016 gelaufen. Das war schrecklich. Ich habe alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann und bin am Ende ziemlich eingegangen“, erzählt er. Im Herbst soll es wieder ein Marathon werden: „Ich habe mich durch die anderen Camp-Teilnehmer und Simone vom Medical Team des SCC Berlin anfixen lassen und die Chance der Anmeldung für den Marathon genutzt. Davor will ich jetzt am 7. April in Hannover eine neue Halbmarathon-Bestzeit laufen, wenn möglich unter 1:20 Stunden und im Sommer ist ein Berglauf in St. Anton geplant.“

Mittlerweile sind wir am Strand angekommen. Der Wind zeigt kein Erbarmen und lässt uns stellenweise wie gegen eine Wand laufen. Christian lässt sich davon nicht abhalten und nimmt weiter Fahrt auf. Zwei, drei Kilometer sind es noch zurück zum Hotel. Gideon und ich halten die Pace zurück und lassen ihn ziehen. Beim Hoteleingang treffen wir uns wieder: 18 Kilometer sind es bei Christian geworden, 16 Kilometer bei Gideon und mir. „Nein, nein, es war mir nicht zu langsam, hat super gepasst. Die Leistungsdiagnostik hat mir gezeigt, dass ich viel häufiger in ruhigeren Bereichen trainieren muss. Nur zum Schluss konnte ich nicht wiederstehen“, meint er und schmunzelt.

Lisa, die Aktivurlauberin

Genauso wie für ihren Mann Christian ist es auch für Lisa (siehe Bild oben und am Bild unten hinter Carsten) das erste Laufcamp. „Wir machen immer einen Aktivurlaub, meistens im Sommer in den Bergen und da dachten wir, dass dies doch Mal etwas anderes wäre“, meint sie. Die 33-Jährige läuft seit 2013 regelmäßig, meist ein bis zwei Mal die Woche und in der Regel um die zehn Kilometer. Einen Marathon ist sie bisher noch nie gelaufen. „Die Halbmarathondistanz reicht mir voll und ganz. Meine weiteren Ziele sind definitiv ein strukturiertes Training an mindestens drei Tagen in der Woche, um meine 10-Kilometerzeit und Halbmarathonzeit zu verbessern. Außerdem will ich meine Grundlagenausdauer deutlich steigern, um dann im nächsten Laufcamp eine bessere Leistungsfähigkeit zeigen zu können“, sagt sie.

Ob sie sich das Camp so vorgestellt hat? „Es war großartig mit Gleichgesinnten und so tollen Coaches eine ganze Woche verbringen zu dürfen. Ich habe mich die ganze Zeit total wohl gefühlt und hatte nie das Gefühl als schlechtere Läuferin ausgeschlossen oder von oben herab angesehen zu werden. Die Anzahl der Coaches war definitiv einmalig. Ich glaube das findet man in den wenigsten Camps.“ Dem jungen Paar hat es so gut gefallen, dass sie auch nächstes Jahr wieder dabei sein wollen.

Angelika, die Genießerin

„Der erste lockere Lauf am Morgen am breiten Strand entlang in den neuen Tag, das war mein Highlight der Woche. Es war unvergleichlich schön im Morgenlicht, direkt an den Wellen des Atlantiks entlang. Ich bin eigentlich kein Fan von Nüchternläufen. Aber in dieser Umgebung ging mir das Herz auf und der Kopf wurde frei“, schwärmt Angelika, als ich sie nach ihrem schönsten Moment der Woche befrage. Die 59-Jährige war bereits einmal beim Laufen.de Laufcamp mit Carsten Eich dabei, jedoch zum ersten Mal in Monte Gordo.

Was ist für sie das Besondere daran? „Die Freude am Laufen in schöner Umgebung zusammen mit Menschen mit ganz vielen eigenen Geschichten. Unterhalten werden, etwas lernen, Angebote annehmen ohne mich allzu sehr zu quälen. Und vielleicht doch ein bisschen ausdauernder werden“, sagt sie. Zwei Handvoll Marathons sei sie schon gelaufen und der nächste ist schon gebucht: „Berlin bin ich schon zweimal glücklich gelaufen, daher habe ich mich nicht dafür angemeldet. Dieses Jahr möchte ich meinen 60. Geburtstag mit dem Lauf von Marathon nach Athen feiern.“ Was sie aus dem Camp mitnimmt? „Einen Sack voll Lebens- und Laufgeschichten, ein neues Urlaubsziel und wieder mal langsamer laufen im Training, auf das Herz und seine Frequenz hören.“

Wolfgang, der Ambitionierte

Berlin, Madrid, Athen, Thessaloniki, Rio de Janeiro – die Liste der Marathons, die Wolfang in seinen Beinen hat, ist lang. Der 57-jährige Berliner steckt sich gerne neue Ziele. Dieses Jahr soll es wieder ein Heimspiel werden. „Ich habe mich im Rahmen des Camps für den Berlin Marathon angemeldet“, sagt er. Teilgenommen hat er vor allem wegen des erstmaligen Angebots der Leistungsdiagnostik. „Ich habe das zuvor noch nie gemacht und habe bisher auch nie nach Herzfrequenz trainiert. Das möchte ich jetzt aber machen. Beim Berlin Marathon soll dann eine neue Bestzeit fallen. Diese liegt bei 3:55 Stunden, im besten Fall will ich die 3:40 Stunden knacken“, verrät Wolfgang.

Das Camp wollte er aber auch als Anlass nehmen, wieder Spaß am Laufen zu finden: „Nach mehreren Langstreckenläufen in den letzten Jahren mit zunehmend besseren Zeiten, wurden diese in den vergangenen zwei Jahren immer schlechter, vor allem und dass ist viel wichtiger für mich, habe ich mich während und am Ende der Läufe total erschöpft gefühlt. Daher habe ich gedacht, dass mir ein medizinisch kontrolliertes Laufcamp helfen könnte, die Ursachen dafür herauszufinden und wenn möglich zu beseitigen, damit ich noch möglichst lange beim Laufen Freude und Spaß empfinden kann.“ Es scheint geglückt zu sein. Wolfgang ist so motiviert, dass er sich unter die Fittiche von Trainerin Alex begibt, um mit ihrer Unterstützung auf sein Ziel im Herbst hinzutrainieren.

Barbara, die Konsequente

„Ich bin letztes Jahr meinen ersten Marathon gelaufen. Durch mehr Tempoläufe, Intervall-Training und damit einer besseren Vorbereitung, möchte ich schneller als letztes Jahr ins Ziel kommen, also wenn möglich unter 4:17 Stunden“, sagt Barbara (am Bild unten links vorne). Für die Berlinerin ist Laufen aus ihrem Leben nicht mehr wegzudenken. „Mit wenigen Ausnahmen laufe ich täglich. Die Distanzen hängen von meinem Dienstplan und meiner Zeit ab. Vor dem Frühdienst sind es zwischen fünf und sieben Kilometer, vor dem Spätdienst und am Wochenende sind es mindestens zehn, können aber auch 15 oder, wenn auch selten, 20 werden.“ Die Teilnahme am Laufcamp war für sie eine Premiere. „Ich war schon davor für den Berlin Marathon angemeldet und in der Anmeldebestätigung gab es einen Link zu diesem Premium Laufcamp. Als ich dann gesehen habe, was alles angeboten wird: tägliche Laufeinheiten, Video-Laufanalyse, Leistungsdiagnostik usw. musste ich nicht lange überlegen und habe spontan gebucht.“

Bereuen tut sie es nicht, ganz im Gegenteil: „Es ist ein gutes Zusammenspiel aus Vorträgen über Trainingsplanung, Herzfrequenz-Messung, Ernährung, gemischt mit vielen praktischen Übungen, sowie Laufeinheiten unterschiedlicher Art. Es kann wirklich jeder etwas für sich mitnehmen.“

Und was nehme ich mit?

Christian, Lisa, Angelika, Wolfgang und Barbara sind nur fünf von insgesamt 34 Teilnehmern, die alle auf ihre Art dazu beigetragen haben, dass die Woche in Monte Gordo nur so verflogen ist. Ich könnte über jeden einzelnen eine kleine Geschichte schreiben, das würde jedoch den Rahmen sprengen. Eines meiner schönsten Erlebnisse waren die Gruppenintervalle, bei denen sich der Zusammenhalt untereinander besonders gut gezeigt hat. Ich spielte wieder einmal Pacerin und durfte mit 5:00 die drittschnellste Gruppe zu 500ern anleiten. Mindestens vier Wiederholungen sollten es sein. Ehrlich gesagt rechnete ich nicht damit, dass es viel mehr als sechs werden würden. Doch meine Mädels waren nicht zu stoppen. Insgesamt zehn Mal jagte ich sie die leicht hügelige Strecke auf und ab. Zum Schluss konnten sie sogar noch zulegen und weit unter 5:00 laufen. Das machte mich ehrlich gesagt ein bisschen stolz. Wobei Stolz vielleicht das falsche Wort ist. Glücklich. Ja, ich war in dem Moment einfach glücklich. Es hat mir irrsinnig viel Spaß gemacht meine Mädels zu motivieren, ihre Komfortzone zu verlassen. Am Ende gab es lauter strahlende Gesichter, meinem inklusive.

Mein absolutes Highlight der Woche war aber ein anderes: Zu sehen, wie Fremde zu Freunden werden. Wie Laufen, egal auf welchem Niveau, Menschen zusammenbringt. Kirstin, eine Teilnehmerin der Altersklasse W65, die bereits zum vierten Mal am Camp teilnahm, meinte am letzten Tag: „Warum ich immer wieder komme? Das Besondere ist, dass Carsten keinen, egal wie langsam jemand ist, von oben herab behandelt. Er nimmt jeden ernst, egal mit welcher Pace. Das macht es so einzigartig.“

Kirstin sprach das aus, was sich alle anderen auch dachten. Zum Abschluss gab es daher eine Überraschung der Teilnehmer an Carsten und uns Coaches: Die Teilnehmer formten ein Herz am Strand – ich wurde eingeweiht und durfte fotografieren. Beim Abschlussabend wurde das ausgedruckte Bild mit Standing Ovations und einem großen Dankeschön von allen an Carsten überreicht. Auch jeder Coach bekam das Foto mit einem persönlichen Lob. Bei mir waren sich alle einig: „Beste Pacerin.“ Vielen Dank!