Brooklyn Half: Die Amis haben das Laufen nicht erfunden, aber…

Brooklyn Half: Die Amis haben das Laufen nicht erfunden, aber…

15. Juni 2019 0 Von Natascha Marakovits

Der prüfende Blick dauert etwas zu lange. Und tatsächlich. Anstatt wie alle anderen in der langen Schlange vor mir durchgewinkt zu werden, muss ich nach links zur Seite ausweichen. Zollkontrolle. Irgendetwas auf meinem ausgefüllten Formular macht den Behördenmann am Flughafen von New York also stutzig. Ist es mein – für viele – außergewöhnlicher Name, der so gar nicht österreichisch klingt? Russische Geheimagentin? Wer weiß. Also nicht durchwinken, sondern genauer nachfragen.

Ich landete bei einem bulligen Zollbeamten. Ein richtiger Bär, um es nett auszudrücken. Mindestens 130 Kilo, wortkarg und mit finsterer Miene fragte er, was ich denn in New York tun wolle. Meine Angabe auf dem Formular, dass ich beruflich hier bin, war also der Grund. Ich erklärte, dass ich Journalistin bin, für ein deutsches Laufmagazin schreibe und unter anderem am Samstag den Brooklyn Halbmarathon laufen werde. Ich ahnte nicht, was das Wort Halbmarathon bzw. der Teil Marathon auslösen würde.

„Ah, you`ll run the marathon. Good luck!“ Aus Halfmarathon wurde zwar Marathon, was ihm und mir in dem Moment aber vollkommen egal war. Seine finstere Miene verwandelte sich mit einem Schlag in ein strahlendes Lächeln und ich wurde von ihm freundlichst durchgewinkt. Auch ich musste nun lächeln, denn es stimmte also tatsächlich: Laufen wird in den USA ganz großgeschrieben. Allein dem Aussehen nach zu urteilen, war der Ü130-Kilogramm-Beamte noch nie auch nur eine Meile gelaufen. Seine Reaktion war für mich daher total unerwartet. In Wien hätte der Beamte noch nicht einmal mit der Wimper gezuckt, geschweige denn mir Glück gewünscht. Wien ist anders. Oder ist Amerika anders?

Die Organisation

„Warum rennen die denn jetzt?“, fragt mich eine Kollegin eines anderen großen deutschen Laufmagazins. Ich schaue auf meine Uhr. „Weil in vier Minuten die Kleiderbeutelabgabe schließt und es gerade geheißen hat, dass es noch eine Meile bis dahin ist“, sagt ein anderer Kollege. Es ist Samstag, der 18. Mai, kurz nach sechs Uhr Früh. Zu dritt gehen wir in Richtung Prospect Park. Dem Start des Brooklyn Half – dem größten Halbmarathon der USA. Die beiden anderen Kollegen, die vorauslaufen, sind nicht mehr zu sehen. Wir drei sind uns einig: Laufen tun wir später noch genug und die paar Minuten werden sie wohl nicht die nicht vorhandenen Rollbalken bei der Abgabe schließen. Wir hatten natürlich recht und all die Hektik der anderen beiden war umsonst gewesen.

Bis zum offiziellen Start um sieben Uhr war es nun nicht mehr lange. Wir waren alle in der ersten von zwei Startwellen und aufgrund der Angabe derselben Zielzeit auch im selben Block. Für mich persönlich sollte es drei Wochen nach dem Hamburg Marathon ein Genusslauf werden. Nach Lust und Laune. Aus Spaß an der Freud dabei sein. Wobei es mit einem Zeitziel ja auch ein Genuss sein kann. Vielleicht nicht ganz am bitteren Ende, aber mittendrin, wenn’s aufgeht und danach. Naja, anderes Thema. Also zurück zum Start.

Von der Kleiderbeutelabgabe, über die Securitychecks bis hin zur Einteilung der Startblöcke war alles bestens organisiert. Auch die Wartezeit vor den unzähligen Toilettenhäuschen hielt sich zu meiner Verwunderung, bei rund 30.000 Teilnehmern, sehr in Grenzen.

Nur wenige Minuten vor dem Start wurde es plötzlich still. Die Kommentatoren verstummten und die Nationalhymne der USA ertönte aus den Lautsprechern. Irgendwie hat das was. Es passt. Wahrscheinlich, weil die amerikanische einfach anders klingt, als unser „Land der Berge“. Dann fiel auch schon der Startschuss. Wir waren mit dem Buchstaben K im vorletzten Block der ersten Welle eingeteilt und mussten dementsprechend noch warten. Nach etwa 20 Minuten ging es schließlich los.

Auf der Strecke

Die erste Hälfte wird im Prospect Park gelaufen und wer New York kennt weiß, flach ist anders. Also geht es mal mehr oder weniger bergab und bergauf, rund elf Kilometer werden im Park absolviert. Der Vorteil: Die Strecke ist sehr abwechslungsreich und schattig, denn später sollen wir auf dem Weg in Richtung Coney Island – dem Ziel – noch ordentlich ins Schwitzen kommen.

Das erste Stimmungshighlight war nach zweieinhalb Kilometern beim Grand Army Plaza, am oberen Ende des Prospect Park, erreicht. Musik, unzählige Zuschauer und Party pur – und das alles kurz nach sieben Uhr Früh. Wie viele würden wohl in Wien um diese Zeit am Samstag auf der Straße stehen, um Läufer zu beklatschen? Bis etwa Kilometer Elf ging es, wie bereits erwähnt, durch den Park. Danach waren alle Höhenmeter geschafft und man konnte es auf dem Ocean Parkway die restlichen Kilometer nach Coney Island richtig laufen lassen.

Auf der Zielgeraden und im Ziel selbst war die Stimmung einfach grandios. Der Zielbereich befindet sich im MCU Park – dem Baseballstadion – und bietet dementsprechend viel Platz. Eine Live Band und natürlich jede Menge Kulinarik sorgten dafür, dass die tausenden Läufer nicht sofort das Areal verließen, sondern es sich auf dem grünen Spielfeld erst einmal gemütlich machten.

Eine Stadt läuft

„Congratulations!“ Immer wieder höre ich rund um mich im Zielbereich dieses Wort. Da war sie wieder. Diese Anerkennung wie bei der Einreise beim Zollbeamten. Dieses Schätzen von etwas, womit man selbst vielleicht gar nichts am Hut hat, es aber zu honorieren weiß. Was hören Läufer in Wien wohl am öftesten? „Weitergehen!“, steht sicher ganz oben im Ranking.

Was bleibt? Ich war nicht zum ersten Mal in den USA, aber der Brooklyn Half war mein erster Lauf in den Staaten. Ich hatte von Lauffreunden und -bekannten schon so viel über die Majors in New York, Boston und Chicago gehört. Nur Positives. Über die Stimmung und eben diesen Stellenwert, den der Laufsport (oder wahrscheinlich generell Sport) in dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten hat. Ich konnte es mir nicht so recht vorstellen. Doch sie hatten recht. Die Amis haben das Laufen nicht erfunden, aber es wird in den USA tatsächlich ganz großgeschrieben. Dabei geht es aber gar nicht um die zahlreichen Glückwünsche im Zielbereich. Es geht um die ganze Stadt und deren Einstellung. Das beginnt beim Zollbeamten bei der Einreise. Wie reagieren die Menschen, die mit Laufen eigentlich gar nichts anfangen können? Das wiederum hängt damit zusammen, wie ein Laufevent nach außen kommuniziert wird. Ist es lästig? Ein Horrortag für Autofahrer, weil die halbe Stadt für ein paar Stunden gesperrt wird? Oder kommt Bewegung in die Stadt und fördert es das Miteinander? Schieben Autofahrerclubs im Vorfeld Panik, dass man aus der Stadt nicht mehr raus- oder reinkommt? Wie wird ein Event, das am Ende für so viele glückliche Gesichter sorgt und auf das sich Tausende seit Wochen oder gar Monaten freuen, nach außen dargestellt?

Ich war nur beim Brooklyn Half und nicht beim New York Marathon dabei. Wobei ich mich jetzt selbst an der Nase bezüglich Geringschätzung und der Kommunikation nach außen nehmen muss. Immerhin ist der Lauf vom Prospekt Park nach Coney Island mit rund 30.000 Teilnehmern der größte Halbmarathon der USA. Die Startplätze waren dieses Jahr nur fünf Stunden nach Öffnung der Anmeldung vergeben, im vergangenen Jahr sogar nach nur zweieinhalb. Soviel zum Thema „nur“. Worauf ich hinauswill: Es war „nur” der Halbe und dennoch war dieses Feeling zu spüren, von dem ich schon so viel gehört habe. Wie ist es dann erst bei einem Marathon? Ich habe erst einen der sechs Majors im Gepäck (dafür den gleich dreimal). Irgendwann soll es ein zweiter werden. Und bekanntlich sind drei davon in den USA: Boston, Chicago und New York. Irgendeinen werde ich bestimmt einmal laufen. Irgendwann…