Alle neune Teil 2: Hürden und kein Flow

Alle neune Teil 2: Hürden und kein Flow

27. Dezember 2019 0 Von Natascha Marakovits

Neun Wettkämpfe, neun Bestzeiten. Nach Teil 1 folgt hier Teil 2 meines Jahresrückblicks: Ein Zehner, ein Halber, ein Ganzer und jede Menge Hürden.

Nach dem Hitzelauf in Berlin am 1. September wollte ich es also nochmals wissen und die 45:xx anpeilen. Ein Termin war schnell gefunden: Der 6. Oktober sollte es sein. Entweder den Windpark Run in Tattendorf oder den Tierschutzlauf im Wiener Prater. Nach langem Hin und Her, wo denn weniger Wind sein könnte, entschied ich mich aufgrund der früheren Startzeit für Tattendorf. Windpark Run. Wieso heißt er eigentlich so? Ah ja, eh: Wind! Da war sie, die Hürde. Als ich damals in Tattendorf zum Startglände ging, wollte ich eigentlich schon kneifen. Wieso geht eigentlich immer dieser verdammte Wind? Aber: Ich wusste, was ich konnte. Das Training war super gelaufen und ich fühlte mich stark. Also fighten. Gegen den Wind. Mit Erfolg. 45:09 Minuten brachten mir fünf Wochen nach Berlin nicht nur eine neuerliche Bestzeit – ich war um 1:35 Minuten schneller als damals – sondern auch den Gesamtsieg bei den Damen. Erstmals am Stockerl ganz oben. Wobei mir das nicht wichtig war oder ist. Ich lege es zwar auf ein Ergebnisziel an, aber meines – also ich will an dem Tag mein Ziel erreichen, nicht eine Platzierung. Denn was sagt das schon aus? Dass an dem Tag keine schnellere Frau am Start war. Ja eh, es schmeichelt und ich freute mich. Aber es gibt zig Frauen allein in Wien, die viel, viel mehr draufhaben. Also aufs eigene Ziel konzentrieren, dann klappt’s auch mit dem Sieg – nämlich dem über sich selbst. So viel zu dem Thema. Da war sie also, die 45er Zeit.

Halbmarathon: Wenn der Puffer schnell verpufft

Nur drei Wochen später stand ich wieder an einer Startlinie. Dieses Mal beim LCC Halbmarathon im Wiener Prater. Vom Training her wurde nach Tattendorf alles auf Marathon ausgelegt. Gerade einmal eine Einheit war HM-spezifisch. Der Halbmarathon sollte trotzdem gut laufen. Schau ma mal was geht, lautete die Devise. Und ja klar hatte ich eine Zeit im Kopf: Schaffe ich die 1:40 zu knacken? Meine Form war top, also: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Auch hier gab es eine Hürde zu überwinden: die Strecke. Der HM führt über drei Runden mit einer kleinen Zusatzschleife auf jener klassischen Strecke im Prater, auf der ich die letzten Male richtig gelitten hatte. Egal bei welchem Lauf, egal wie das Training vorher lief, ich fühlte mich auf dieser Runde jedes Mal wie ausgespuckt und blieb weit unter meinen Erwartungen. Egal. Am 27.10. sollte dem ein Ende gemacht werden.

Die erste Runde verlief sehr gut, jedoch mit Anfängerfehler: Ich was etwas zu schnell unterwegs und hätte ich keinen Pacer als Bremser an meiner Seite gehabt, hätte es wohl fatal bzw. letal geendet. Nach der ersten Runde hatte ich also einen Puffer auf die 1:39:xx.. Das zu schnelle Angehen rächte sich jedoch schon wenige hundert Meter später auf der zweiten Runde, bei der ich diese Leichtigkeit der ersten Runde plötzlich vermisste. Schneller wollte ich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr 😉 Der Puffer verpuffte und so war es auf der letzten Runde ein harter Kampf. Langsamer werden ist auch keine Lösung, also alles geben. Die letzten zwei Kilometer vom Praterstern Richtung Lusthaus schielte ich an den Streckenrand und zählte fast jede 100-Meter-Markierung. Da hatte ich mich die letzten Monate so oft gequält, jetzt reiß dich zusammen! Nur noch ein paar Minuten. Fighten, bis zum süßen Ende, denn nach 1:39:35 lief ich schließlich über die Ziellinie. Wow! Was für ein Rennen. Ich war überwältigt und bin es heute noch.

Endspurt im Training: Nochmals alle Kräfte mobilisieren

Jetzt war Endspurt angesagt. Fünf Wochen waren es noch bis Valencia. Ab sofort kamen die richtig harten langen Läufe. Longjogs kann ich sie nicht nennen, denn es war kein Joggen. 35 Kilometer mit zehn Kilometer im geplanten Marathontempo am Ende oder ein gesteigerter 30er, der bereits zügig begann und ebenfalls auf den letzten zehn im Marathontempo endete. Ich merkte, wie nach dem Halbmarathon etwas die Luft draußen war. Ich war müde und konnte mich für die 35er nur schwer motivieren. Aber: Ich habe alles konsequent durchgezogen, denn das große Ziel rückte immer näher. Auch wenn ein vermeintlich schlauer Spruch heißt, einen Marathon läuft man im Kopf. Nein, einen Marathon läuft man mit den Beinen. Und wenn die Beine diese Schmerzen aus dem Training, wenn du dich auf den letzten fünf von 35 quälst, nicht kennen, kann es der Kopf am Tag X auch nicht mehr richten. Meine Meinung. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Die Zeit verflog und plötzlich war er da: der 1.12.2019.

Valencia Marathon: Der Tag X am Tag X

„38 Kilometer noch.“ Denk nicht so. Das zerstört mental. Nur von Kilometer zu Kilometer denken! „Mir ist jetzt schon so heiß, das halte ich niemals durch.“ In dem Moment, in den Straßen von Valencia, bei Kilometer vier redete ich in Gedanken mit mir selbst. Ich hatte mich auf den Marathon gefreut. War tipptopp vorbereitet und körperlich so fit wie nie. Dennoch überkamen mich Zweifel so früh wie nie. 3:30 Stunden sollten drin sein. Das Training versprach unter optimalen Bedingungen ein bisschen mehr. Optimal heißt für mich nicht 15 Grad um acht Uhr. Das Wetter war einer der Gründe, warum ich gar so zweifelte. Ich bin absolut kein Hitze-Typ und obwohl die Höchsttemperatur von etwa 20 Grad nicht wirklich unter Hitze fällt, wusste ich, dass ich damit ein Problem haben würde. Denn der Temperaturunterschied aus dem kalten, grauen Wien, ins wohlig warme, sonnige Valencia war für meinen Geschmack einfach zu krass. „Du hast super trainiert, hast die Form deines Lebens und wirst daher auch einen guten Marathon laufen. Eben unter diesen Bedingungen. Dass es anders sein könnte, ist wurscht.“ Hm, ja eh. Die Worte meines Trainers ein paar Tage vorm Tag X fielen mir in Valencia immer wieder ein. Es war nicht ganz mein Tag.

Nach sieben Kilometern dann ein kurzes Motivationshoch: „Hey, nur noch 35 Kilometer.“ Ich klopfte mir auf die Oberschenkel. „Das kennst du ja. Nur sind’s halt jetzt 35 Kilometer Endbeschleunigung. Einfach Atmosphäre, Stimmung aufsaugen, den Rest ausblenden und durchziehen.“

So redete ich die ganze Zeit mit mir selbst. Es war ein einziger innerer Monolog. Das Positive: Ich lief konstant um die 4:59 Minuten am Kilometer – auf 3:30er-Kurs also. Das Negative: ich kam in keinen Flow. Solche Tage gibt’s. Im Training hart. Im Wettkampf sehr hart. Mittlerweile führte die Strecke durch die Altstadt. Zum Glück war in den Gassen auch immer wieder im Schatten. Die Zuschauer wurden mehr, die Trommler immer lauter. Irgendwann war Kilometer 35 erreicht. Ich nahm das dritte und letzte Gel und wie beim Pawlow‘schen Reflex kam plötzlich mein Kampfgeist. Das Cola-Gel am Ende bedeutet immer: Endspurt. „Sieben Kilometer noch. 35 Minuten. Das ist nichts.“ Die negativen Gedanken waren wie weggeblasen. Ich fühlte mich gut und konnte noch Gas geben. Ich erinnerte mich an den Hamburg Marathon, bei dem die letzten zehn Kilometer die schnellsten waren und ich vom Feeling her ins Ziel geflogen bin. Das pushte, denn auch jetzt hatte ich noch Kraft und lief schneller.

800 Meter noch. Es ging die Rampe hinunter Richtung Ziel. Zwei Kurven noch. Die Zuschauer links und rechts waren kaum zu halten, ich hörte sie im Laktatrausch nur gedämpft. 400 Meter. 200 Meter noch. Da schaute ich auf die Uhr: 3:29:12. Ich wusste vom Training, dass ich jetzt voll anreißen müsste, um die restlichen 200 Meter in 47 Sekunden zu laufen. Bei 200-Meter-Intervallen kein Problem. Nach 42 Kilometern jedoch unmöglich, noch unter 4:00 Minuten am Kilometer zu laufen. Was soll’s. Fighten, aber nicht bis zum Umfallen. So wurden es 3:30:09. Um zehn Sekunden die magische Grenze von 3:30 nicht erreicht. Aber: Für den Boston Marathon 2021 sollte es auf jeden Fall gereicht haben. Knapp fünf Minuten unter der in meiner Altersklasse erforderlichen Quali-Zeit von 3:35:00 sollten genügen. Also ob zehn Sekunden auf oder ab – was soll’s?!

„Hey, wie ist’s gelaufen?“ Ein Läufer aus unserem Hotel spricht mich im Zielbereich an. Wir hatten beim Frühstück geplaudert, auf der Strecke hatte er mich mit den Worten „Super Zeit, weiter so“ überholt und jetzt klopfte er mir auf die Schulter. Ich brachte kaum einen Satz heraus, war von meinen Emotionen völlig benebelt.

Wenige Minuten später lag ich außerhalb des Zielbereichs im Gras. Ausgestreckt, strahlend und gleichzeitig liefen mir Tränen übers Gesicht. Einerseits voller Freude, andererseits, weil die ganz Anspannung abfiel. Ein Marathon ist ein Marathon. Da kann das Training noch so gut laufen, ich habe jedes Mal riesigen Respekt davor und bin dementsprechend nervös. Da tut es im Nachhinein einfach nur gut, alles abzulassen.

Der Valencia Marathon war nicht ganz mein Tag. Einer der Gründe war das Wetter. Das zum Chillen danach schlicht und einfach perfekt war. Den restlichen Tag verbrachten wir nämlich auf der Sonnenterrasse – im ärmellosen Shirt und kurzen Hosen. Das Wetter war ein Traum. Jetzt zumindest. Stunden zuvor wären mir zehn Grad weniger lieber gewesen. Tja, das Leben ist kein Wunschkonzert…

Der andere ist einer, der sich wie das Wetter ebenfalls nicht oder nur schwer beeinflussen lässt. „Frauen sind Menschen wie wir“, hat ein erfolgreicher Unternehmer und ehemaliger Politiker einmal gesagt. Ja eh. Fast zumindest. Frauen sind eben doch keine Männer. Und wenn der Tag X auf den anderen Tag X im Monat fällt, kann das schon mal der Supergau sein oder zumindest zur krampfhaften Hürde werden oder einfach nur zach sein. Dann muss man versuchen auch diese Hürde zu nehmen. Ist mir gelungen. Und ob 3:29:59 oder 3:30:09 – zehn Sekunden am Marathon ändern doch nichts am Ergebnis, noch nicht mal bei der Pace: 4:59 am Kilometer, ob so oder so. Eines weiß ich aber: Ich kann Hürden nehmen. Und bin eine gesunde Frau. Das ist das Wichtigste.

Das nehme ich aus 2019 mit

Das war also mein Laufjahr 2019. Es war ein ganz besonderes Jahr und ich habe jede Menge über mich gelernt: Ich kann Hürden nehmen, egal welche. Ich traue mir was zu, vertraue meinem Trainer und das spiegelt sich in den Ergebnissen wider. Was ich in dem Jahr auch gelernt habe: Nicht nur in schlechten Zeiten zeigt sich, wer es tatsächlich ehrlich mit einem meint. Auch in besonders guten Zeiten merkt man ganz schnell, wer sich mit einem freuen kann oder wer lieber sehen würde, dass die Steilkurve wieder nach unten geht. Doch wie heißt es: Im Leben bekommt man nichts geschenkt. Wie ich schon in Teil 1 vergangene Woche geschrieben habe: Dranbleiben lohnt sich. Und damit sage ich Tschüss-baba 2019.