Boston Strong

Boston Strong

18. Dezember 2020 0 Von Natascha Marakovits

Ein Traum, mein Traum: Beim Gedanken daran beginnen die Augen zu leuchten und die Mundwinkel ziehen sich nach oben. Ein inneres Lächeln macht sich breit. Das Ziel ist zum Greifen nah, nur noch eine Hürde ist zu nehmen, wobei diese eigentlich schon geschafft ist. Die Freude ist riesig und man kann den Tag kaum erwarten, wenn die lang ersehnte Nachricht im Posteingang landet, man daraufhin vor Freude tanzt und ein Jubelschrei die Nachbarn alarmiert. So toll fühlt es sich gerade an. Und dann? Dann kommt alles anders, als man denkt. 

Ich schreibe diese Zeilen gerade am zweiten Tag des zweiten Lockdowns in Österreich. Und es ist der zweite Tag nachdem Wien von einem Terroranschlag erschüttert wurde. Es sind schwierige Zeiten – für mich, für meine Heimatstadt, für alle in Österreich, Europa und der ganzen Welt. Corona ist seit Monaten das beherrschende Thema und macht vor nichts und niemandem halt. Natürlich auch nicht vorm Laufen mit allem, was dazu gehört. 

Valencia 2019: Boston 2021, here I come!

Mein eingangs erwähnter Traum handelt vom Boston Marathon – DEM Marathon schlechthin für mich. Als ich im Jahr 2015 in Berlin meinen allerersten Marathon in 3:58 Stunden lief, war ich zwar super happy, aber von der Qualizeit für Boston auch super weit entfernt. Eine Zeit von unter 3:40 Stunden hätte ich damals laufen müssen. Dazu kommt, dass diese auch noch um etwa drei bis fünf Minuten unterboten werden musste, um auch ganz sicher einen Platz zu bekommen. Um die 3:35 war also das Ziel für mich. In den darauffolgenden Jahren war dies eine Hürde, die immer größer erschien. Gesundheitliche Probleme ließen mich 2018 quasi wieder von vorne beginnen. Ich trainierte und trainierte, es lief wieder, jedoch waren die 3:40 nach wie vor in diesem Jahr nicht drin. Es war ein Aufbaujahr und kein Bestzeitenjahr.

Alles zu seiner Zeit und mit dem Training kam dies schneller als erwartet: 2019 war mein Laufjahr. Ich investierte viel und bekam auch viel: Neun Wettkämpfe, neun Bestzeiten. Auch im Marathon. Beim Hamburg Marathon im April kam ich völlig überraschend meinem Traum richtig nahe: 3:35:33 stand da am Ende auf der Uhr. Sage und schreibe nur 33 Sekunden über dem Limit, das 2019 erstmals in meiner Altersklasse von 3:40 auf 3:35 Stunden gedrückt wurde. Mit einem Unterschied: Diese Zeit musste nicht mehr auch noch um etwa fünf Minuten unterboten werden, um sicher „in“ zu sein. Next Stop also: Valencia. Da sollte es klappen. Und tatsächlich: Mit 3:30:09 knackte ich die Qualizeit um fast fünf Minuten. Auch wenn ich es noch nicht schwarz auf weiß hatte, aber: Boston 2021, here I come! 

Tja. An dieser Stelle ist der Traum dann tatsächlich so gut wie ausgeträumt. Erstmals seit der 124-jährigen Geschichte musste der Boston Marathon 2020 aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden. Wann er 2021 stattfinden wird, ist ungewiss. Eine Verlegung des Termins vom Patriots Day (dem dritten Montag im April) auf den Herbst wurde bereits bekanntgegeben. Wann man sich dafür registrieren kann und wie der enorme Andrang, der durch den Ausfall entstanden ist, geregelt werden wird, ist ebenfalls ungewiss. 

Bei den Österreichischen Meisterschaften im Marathon

Update 13.12.2020

3 Stunden, 29 Minuten, 47 Sekunden. Fix und fertig im Ziel, aber unendlich happy, denn erstmals konnte ich bei einem Marathon unter – den für mich – magischen 3:30 Stunden bleiben. Und damit: Boston, here I come ein zweites Mal.

Das Ganze war im Rahmen der Österreichischen Meisterschaften im Marathon. Einer Veranstaltung, die zum Glück trotz Pandemie mit einem sehr kleinen Teilnehmerfeld und strengen Auflagen genehmigt wurde. Doch es war bis zuletzt ein Bangen und Hoffen: Werde ich einen der begehrten Startplätze bekommen. Wie viele Frauen werden sich anmelden? Und vor allem, wer wird sich anmelden? Alles 3 Stunden Läuferinnen oder doch auch welche in meiner Kategorie? Zittern bis zur unmittelbaren Wettkampfwoche war angesagt. Am 8. Dezember wurde die finale Starterliste schließlich bekanntgegeben. Juhu. Ich bin dabei. Also Fokus auf den Sonntag legen.

Eine Marathonvorbereitung bis zum bitteren Ende durchzuziehen, um erst fünf Tage vorher die Gewissheit zu haben, dass man tatsächlich am Start steht, war nicht zu jedem Zeitpunkt lustig. In der Regel weiß man Monate vorher, dass man am Tag X am Start stehen wird. Das war dieses Mal nicht der Fall. Doch ich nahm das Risiko, dass vielleicht doch kein Rennen stattfindet, in Kauf. Was gab es zu verlieren? Nichts.

Das Rennen selbst war dann anders, als alle bisherigen Marathons, die ich gelaufen bin. Es gab keine zehntausenden Teilnehmer, keine Party in den Straßen mit Bands, meinen geliebten Trommlern und vielen, vielen Zuschauern auf den letzten Kilometern, die mich bisher regelrecht ins Ziel getragen haben. So hart die letzten Kilometer auch immer waren, meine Marathons waren bisher ein Feuerwerk an Endorphinen. Ab 35 Kilometern befand ich mich bisher immer im Glücksrausch, der all die Schmerzen in dieser Phase überlagerte. Das war an diesem Tag anders.

Da ich bei einem Marathon extrem von der Stimmung rundum abhängig bin, wusste ich, dass es eine wahre Challenge für mich werden wird: Ein Rundkurs von sieben Kilometern, sechs Mal. Dazu quasi kein Feld, keiner, der mich bisschen ziehen kann, keine Zuschauer, kein Trubel, nur die Distanz. Aufgrund der Starterliste wusste ich, dass ich mich quasi ganz hinten einreihen musste. Das machte ich auch. Der Startschuss fiel und damit begann die Jagd auf die 3:29.

Fünf, vier, noch drei, zwei. Die allerletzte. Ich bin mental und körperlich am Ende, muss jedoch noch irgendwie diese eine Runde überstehen. Ein letzter Griff zum Wasserbecher an der Labe. Doch der Griff geht ins Leere, es ist kein Wasser mehr da. Sch****. Ich bin durstig, sehr durstig. Erstmals hatte ich mich bei einem Marathon nicht optimal verpflegt, hatte viel zu wenig getrunken, um nicht zu sagen, fast nichts. Erst nach 14 Kilometern das erste Mal und da es bei 35 nichts mehr gab, bei 28 das letzte Mal. Anfängerfehler, der sich bitter rächen sollte.

Vier Kilometer noch. Mein Sichtfeld ist plötzlich benebelt. Drei Kilometer noch. Ich kann nicht mehr klar sehen. Mein Kreislauf verabschiedet sich. Doch ich weiß, dass ich es noch schaffen kann. 3:29. Nicht langsamer werden, es tut auch langsam weh! Verschwommen. Ich sehe nur noch verschwommen. Reibe meine Augen. Sch****.

3 Stunden, 29 Minuten, 47 Sekunden. Ich bin im Ziel. Lasse mich auf den Boden fallen. Mein Blick ist getrübt. Ich brauche Wasser. Meine Freunde, die im Ziel auf mich gewartet haben (und von denen auch die Fotos stammen), sehe ich erst nach einigen Minuten. Zu fertig liege ich am Boden.

Go for your goals

Was einen nicht umbringt…

Es war definitiv mein härtester Marathon. Doch wie heißt es: Was einen nicht umbringt, macht einen stärker. Aber nicht missverstehen: Hätte ich diese Kreislaufprobleme früher bekommen, wäre ich ausgestiegen. Ich kenne meinen Körper und wusste, dass es gerade noch geht.

Es heißt auch, aus Fehlern lernt man. Die Verpflegung war also alles andere als gut. Dazu kommt, dass ich vom ersten bis zum letzten Kilometer alleine gelaufen bin. Sich bei jemandem anhängen zu können, wäre sicherlich hilfreich gewesen. Doch es sind gerade solche Rennen, die einen im Endeffekt stärker machen!

3 Stunden, 29 Minuten, 47 Sekunden. Mit der Zeit hatte ich die Boston-Qualizeit von Valencia also bestätigt. Und jetzt? Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es. Wer weiß, vielleicht klappt es ja doch noch mit Boston 2021. Dann wäre wohl die Pandemie unter Kontrolle – mit Freudentanz und Jubelschrei!