“Überlaufene Schmerzen holen dich mit doppelter Wucht wieder ein”

“Überlaufene Schmerzen holen dich mit doppelter Wucht wieder ein”

14. Juli 2018 0 Von Natascha Marakovits

Autos gehören zum Service in die Werkstatt. Läufer gehen zum Physiotherapeuten. Über Schmerzen und deren Ursachenforschung.

Ich reiße meine Augen auf. Mein Gesicht ist angespannt, jeder noch so kleine Muskel verkrampft sich. Meine Reaktionen erinnern mich an die Entspannungsübung „der Löwe“. Doch anstatt den Mund weit aufzureißen, loszubrüllen und mich dabei zu entspannen, beiße ich die Zähne zusammen, damit er mir nicht entweicht: der Schmerzensschrei. Wäre ich alleine, hätte ich ihn wohl nicht zurückgehalten, so entkommt mir nur ein leises Wimmern. Angelika schaut mich an und nickt wissend. „Wie weit geht es? Da auch noch?“, fragt sie. Ich ächze ein Ja und erwarte den nächsten Frontalangriff mit ihrem Daumen.

Angelika Huemer-Toff (Foto oben) beweist jedes Mal aufs Neue ein wahres Fingerspitzengefühl. Mit ihren Händen erfühlt sie in meinen Muskeln und Sehnen Dinge, die im nächsten Moment einen Schweißausbruch hervorrufen. Angelika ist nämlich Physiotherapeutin. Seit 26 Jahren arbeitet sie mit Läufern und weiß in der Regel bei kleinen und großen Wehwehchen wo der Schuh drückt. Angelika ist nicht nur Physiotherapeutin, sondern selbst auch Läuferin – Ultraläuferin. „Ich jogge seit dem Teenageralter, laufe seit 2004 und bin Ultraläuferin seit 2012.” Dabei hat sie schon einige Siege in der Tasche, unter anderem stand sie bei den 6 Stunden-Läufen in Schwechat und Steyr und bei der ganzen G’schicht von Wien Rundumadum (130 km) ganz oben am Podest. Zuletzt nahm sie im Mai in Rumänien an der Europameisterschaft im 24 Stunden-Lauf teil, wo sie es auf hochachtungsvolle 184,38 Kilometer brachte.

Ungewohntes Terrain

Doch nun wieder zurück zu mir und meinem Löwen. Der Grund warum ich an diesem Tag in Angelikas Praxis bin, ist schlicht und ergreifend ein kleines Wehwehchen. Damit es nicht zum großen Aua wird, halte ich es mit „Vorbeugen ist besser als heilen“. Grundsätzlich bin ich nicht anfällig für Verletzungen. Bis auf einen Wander-Umknicker am Berg, der dann zwischenzeitlich eine kurze Laufpause verursachte, war ich *klopf klopf* noch nie verletzt. Hohe Umfänge machen mir nichts. Einzig und allein ungewohntes Terrain bringt ein bisschen Zwicken zum Vorschein. Zu Beginn der 10k Challenge waren es die Vollgas 200er, in den vergangenen Wochen waren es die Höhenmeter.

Für Angelika keine große Sache. „Das kommt eindeutig vom Bergablaufen. Das bist du nicht gewöhnt und das zeigt dir dein Körper jetzt. Flache Straßenläufe beanspruchen die Muskulatur ganz anders als Trails“, erklärt Angelika als sie wieder mit dem Daumen meinen Oberschenkel entlangfährt und ich mich dabei immer fester an der Liege festkralle. „Da hilft nur Dehnen. Deine Muskeln sind da total zu.“ Tja, mit Regenerationsmaßnahmen habe ich nicht so viel am Hut. Das bekomme ich jetzt zu spüren. Aber das ist ein anderes Thema und wird demnächst an dieser Stelle näher unter die Lupe genommen.

Tagtäglich hat die Physiotherapeutin in ihrer Praxis mit Läufern zu tun. Was sind die häufigsten Wehwehchen? „Hier werde ich meist mit Überlastungssyndromen wie Schienbeinkantensyndrom, Achillessehnenentzündungen oder Teilrupturen, Knochenmarksödemen, Läuferknie, Muskelüberlastungen und Muskeldysbalancen im Bereich des Beckens und der Waden- und Fußmuskulatur konfrontiert“, sagt sie. Was sind die Ursachen?

Schmerzen auf den Grund gehen

„Meist ist es Unwissenheit und übertriebener Ehrgeiz zu viel und zu schnell von seinem Körper Leistung zu fordern, ohne gezielte oder gut überlegte Vorbereitung. Laufen ist eine wunderbare Bewegung, die jedoch auch sehr viel von den Gelenks- und Muskelstrukturen abverlangt“, sagt Angelika. Um Verletzungen vorzubeugen sei es wichtig zu wissen, wo der Körper seine Schwächen und seine Stärken hat. Die Physiotherapeutin setzt sich mit ihren Klienten intensiv auseinander. Es gehe ihr in erster Linie um Ursachenforschung. Dafür bietet sie neben der klassischen Physiotherapie auch Laufanalysen an. „Es ist mir wichtig zu erkennen, was der Auslöser ist und was man dagegen tun kann. Zum besseren Verständnis ein kleines Beispiel: Beinachsentraining und Rumpfstabilisation sind in Läuferkreisen unliebsame Begleiterscheinungen, fast jeder kennt sie, keiner mag sie und behandelt werden sie wie Stiefkinder. Auch sogenannte Steigerer oder Intervalltrainings sind notwendig, um den Muskeln und Gelenken neue Geschwindigkeiten und eine bessere Lauf-Koordination beizubringen. Aber unvorbereitet sind sie tückisch und der Körper ist verletzungsanfällig.“

Damit bin ich wieder bei „Vorbeugen ist besser als heilen“. Was also tun, damit die Wehwehchen ausbleiben? „Die Basis um Verletzungen vorzubeugen bieten: Gelenkigkeit, muskuläre Geschmeidigkeit und läuferspezifisches Training.“

Auf den Körper hören

Mittlerweile sind wir am Ende der Stunde angekommen. Die Innenseite meines Oberschenkels ist gerötet – Angelika hat wieder wahres Fingerspitzengefühl bewiesen. Abschließend will ich es noch genauer wissen: Wie schafft es die Ultraläuferin verletzungsfrei zu bleiben? „Der Werdegang eines Ultraläufers ist meist von der Kurzdistanz über Marathon zum Ultra, der Körper wird auf die Belastung vorbereitet. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich bin mit einem Marathon in die Wettbewerbe eingestiegen und gleich auf die Ultradistanz übergewechselt“, erzählt sie. Die Vorbereitung auf die Belastung sei das Eine, die Nachbereitung das Andere: „Ich gebe meinem Körper genügend und richtige Regeneration. Außerdem Abwechslung im Training und eine gut überlegte Trainingseinteilung, die mit meinem beruflichen und familiären Alltag zu vereinbaren ist. Aber auch ich bin nicht immer verletzungsfrei und muss ständig an meinen Schwächen arbeiten.“

Zu guter Letzt richtet Angelika noch einen Appell an jeden Läufer: „Hör auf deinen Körper, denn kein Trainingsplan, keine Handy-App und keine Laufuhr können dir mitteilen, wann dein Körper an seine strukturellen Grenzen stößt. Überlaufene Schmerzen holen dich irgendwann mit doppelter Wucht wieder ein.“

Mein Knie ist mittlerweile wieder völlig beschwerdefrei. Es war ein kurzes Aufmucken, um mir meine Schwächen aufzuzeigen: Geschmeidigkeit und Beweglichkeit. Drei Dehnübungen hat mir Angelika mitgegeben. Ich hasse es, siehe hier. Aber es hilft ja nichts. Denn wie war das: Vorbeugen ist besser als heilen.