“Wenn sich ein Laufschuh wie ein Hauspatschen anfühlt, ist es Zeit zu wechseln”

21. Juli 2018 1 Von Natascha Marakovits

Worauf beim Laufschuhkauf zu achten ist und welche Probleme durch eine falsche Wahl entstehen können.

Schon Forrest Gump sagte: „Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen – man weiß nie, was man kriegt.“ Als die Schachtel aufgeht, fällt mir im ersten Moment nichts dazu ein. Von wegen strahlende Augen. Stattdessen ist mein Blick skeptisch. Die? Ich hoffe der Verkäufer merkt meinen Unmut nicht, denn ich bin nicht sonderlich begeistert. Schön ist anders. Zumindest nach meinem Geschmack. Dennoch bleibt mir nichts anderes übrig, als die Dinger aus der Schachtel zu nehmen und anzuprobieren. „Kommen Sie. Laufen Sie hier ein paar Mal auf und ab“, sagt der Verkäufer. Ich gehorche, renne den Gang hin und her und werde dabei von prüfenden Blicken des Verkäufers verfolgt. „Schaut gut aus. Wie ist das Gefühl?“, fragt er. „Sehr gut. Ich fühle mich sehr wohl darin.“

Diese Situation ist nun knapp vier Jahre her. Es war der erste Laufschuhkauf in einem Fachgeschäft. Forrest Gump sollte Recht behalten. In dem Moment, als der Verkäufer die Schachtel damals öffnete, wusste ich nicht, dass ich soeben den Schuh präsentiert bekam, der mich tausende Kilometer im Training und vier Marathons begleiten würde. Denn schon sehr bald stellte sich wie in einer langjährigen Beziehung heraus: Vergiss das Äußere, die inneren Werte zählen. Es war der Beginn einer großen Marathonschuh-Liebe. Diese ging so weit, dass ich bei Bekanntwerden, dass der Schuh aufgelassen wird, quasi Hamsterkäufe tätigte. Insgesamt vier Paar. Vier weitere Marathons samt Training sollten damit also gesichert sein.

Neue Schuhe, neue Wehwehchen

Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Zwischenzeitlich ging ich quasi fremd, bin auf eine andere Marke und damit ein anderes Modell umgestiegen. Ohne persönliche Beratung, worauf ich eigentlich mittlerweile sehr großen Wert legte. Aber wird schon passen, dachte ich. Doch dem war nicht so. Nach gut einem halben Jahr bekam ich erste Probleme. Einer Sehne am Fuß gefiel der Neue ganz und gar nicht. Anfangs dachte ich, wird schon. Doch die Beschwerden wurden mehr und letztendlich hieß es: Back tot he Roots. „Das sind eindeutig die Schuhe“, sagte meine Physiotherapeutin Angelika Huemer-Toff, die auch Ultraläuferin ist, damals. „Du verträgst sie nicht.“ Und tatsächlich. Nach der kurzen Affäre wechselte ich wieder und siehe da: Sehnenbeschwerden adé, Läuferfreuden olé.

Vergangene Woche habe ich über Verletzungen und deren Ursachen geschrieben. Mehrere Faktoren seien verantwortlich. Details dazu gibt es hier. Dass neben übertriebenem Ehrgeiz und damit verbunden zu viel von seinem Körper zu wollen auch Schuhe einen wesentlichen Einfluss auf das Auftreten von Verletzungen haben können, weiß Angelika aus ihrer langjährigen Praxis. „Verletzungen durch falsches oder altes Schuhwerk kommen immer wieder in meiner Arbeit vor. Schienbeinkantensyndrom, Vorfußsprengung, Großzehengrundgelenksschmerzen, Sprunggelenksbeschwerden durch Fehlbelastung beim Aufprall oder muskuläre Fußsohlenschmerzen sind die Folgen. Der Aufprall des Fußes am Boden hat, je nach Lauf-Geschwindigkeit, einen enormen Impact, dieser sollte durch einen optimalen Schuh minimiert werden.“

Nach 600 km ab in die Pension

Worauf kommt es also bei einem Laufschuh an? „Laut Studien ist das Muskel-Tuning-Phänomen vorrangig. Die Muskeln des Läufers adaptieren sich aufgrund des Wohlfühlcharakters. Dadurch ist die Verletzungsprävention am besten. Neben dem Gefühl der absoluten Geborgenheit, Sicherheit und hohen Leistungsfähigkeit, dass einem der Laufschuh geben sollte, sobald man hineinschlüpft, gibt es noch einige Fragen, die vorher abgeklärt werden sollten.“

Zuerst solle man sich fragen, wo will ich laufen? In den Bergen oder in der Ebene, also Trail- oder Straßenschuh. Der zweite ausschlaggebende Faktor sei die Leistungsfähigkeit: „Je schneller ich laufen kann oder will, desto leichter soll der Schuh sein. Je länger die Distanzen, desto mehr Dämpfung sollte der Schuh zu bieten haben und er wird etwas schwerer sein“, erklärt Angelika.  „Es geistert auch immer wieder der Begriff Sprengung in Bezug auf Laufschuhe herum. Grundsätzlich sind welche mit mehr Sprengung zu wählen, wenn die Sprunggelenksbeweglichkeit nicht optimal ist. Also 8-10 mm Höhenunterschied oder mehr von der Ferse bis zum Vorfuß. Auch ist der Fersenschluss – wie umgibt der Schuh die Ferse – wesentlich, sowie die Zehen- und Vorfußfreiheit“, sagt die Physiotherapeutin. Dazu kommt „je länger man läuft, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit der Fußschwellung. Der Schuh sollte daher etwas größer gekauft werden als die normal.“

Selbst der beste Schuh lebt nicht ewig. Wann ist es Zeit für ein neues Paar? „Schuhe, die mehr als 600 km in den Sohlen haben, sollten in Pension geschickt werden. Eine kleine Faustregel: Wenn sich ein Schuh wie ein Hauspatschen anfühlt, ist es Zeit zu wechseln.“

Außerdem gilt wie im Training: Abwechslung ist wichtig. Ich selbst besitze drei Paar, die je nach Training zum Einsatz kommen. Auch leichte, obwohl ich nicht wirklich schnell bin. Aber sie fühlen sich anders an. Gut. „Wenn mehr als zwei Mal die Woche gelaufen wird, dann sind zwei Paar Laufschuhe zu empfehlen. Sind auch schnelle Einheiten im Trainingsprogramm inkludiert, sollte dementsprechende Schuhe verwendet werden“, sagt auch Angelika.

Never change a winning team

Mittlerweile habe ich die letzte Schachtel meines „one-and-only-Marathonschuhs“ geöffnet. Fast ein bisschen wehmütig laufe ich gerade das letzte existierende Paar ab. Gerade nur so viel, dass ich beim geplanten Herbstmarathon eventuell noch ein letztes Mal damit durchs Ziel laufen kann. Eventuell. Denn ich habe nun einen Nachfolger gefunden. Der Neue läuft dem Alten ein bisschen den Rang ab. Nicht nur die inneren Werte stimmen, auch das Äußere lässt meine Augen leuchten. Wie ich ihn gefunden habe? Persönliche Beratung im Fachgeschäft. What else. „Der Wohlfühlcharakter beim Laufen zählt. Der Vergleich mit anderen Schuhmarken ist wichtig. Es braucht ein bisschen Mut zur Abwechslung, aber auch “never change a winning team!”, betont Angelika.

Abschließende Ergänzung: Mal abgesehen davon, dass auf manchen Fotos die Marke zu erkennen ist, welche Schuhe ich bevorzuge, will ich hier bewusst keine Empfehlungen und Shops nennen. Jeder muss für sich selbst entscheiden und herausfinden, welchem Verkäufer und welcher Marke er seine Füße anvertraut. Was mir passt, macht manch anderem Probleme und umgekehrt. Nur eines: Lieber in ein gutes Paar Schuhe investieren, als in das zehnte T-Shirt, das man ohnehin nicht braucht.