Kings und Queens, Kudos und das Streben nach

Kings und Queens, Kudos und das Streben nach

28. Juli 2018 0 Von Natascha Marakovits

Auf die Uhr schauen. Hausrunde laufen. Wieder auf die Uhr schauen. Fertig. Wer hat’s mitbekommen? Niemand. Zumindest nicht die große, weite Welt da draußen. So muss das früher gewesen sein. Früher. In Zeiten, in denen es noch keine GPS-Uhren gab. Einzige Analyse: Heute war ich drei Minuten schneller als gestern. Oder sieben Minuten langsamer, weil der morgendliche Kaffee seine Wirkung tat und einen Abstecher ins nächste Gebüsch notwendig machte. In der Mittagspause erzählte man den Kollegen von der morgendlichen Tour, rundetet vielleicht die eine oder andere Minute ab und schon war man im Büro der King oder die Queen. Und heute? Heute will jeder Läufer King und Queen sein und strebt nach virtuellen Kronen. Streben heißt auf Schwedisch Strava. Damit wäre ich auch schon beim Thema: Strava – das soziale Netzwerk für Läufer, Radfahrer und Triathleten. Verbindet man seine GPS-Uhr mit Strava, werden die Aktivitäten automatisch hochgeladen. Wählt man die Einstellung öffentlich, wird man so quasi zum gläsernen Hobbyathleten. Und wozu das Ganze?

Begonnen hat alles vor etwa zwei Jahren. Irgendwann schnappte ich es auf – dieses Strava-Ding. Ein richtiger Läufer ist auf Strava, so die Message vom Umfeld. Nun gut. Schließlich strebe (um beim Begriff zu bleiben) ich ja an, eine richtige Läuferin zu sein. Also, App installieren und los. Mein erster Lauf, sprich meine erste Aktivität, gefiel mir schon ganz gut. Übersichtlich wurde alles dargestellt, was mir wichtig ist: Runden, Pace und Herzfrequenz. Dazu eine nette Routen-Grafik. Irgendwie anschaulicher als auf der Online-Plattform meiner GPS-Uhr. Der gravierendste Unterschied war aber ein anderer: Früher haben die Aufzeichnungen meiner Trainings in erster Linie nur für eine Person eine Rolle gespielt: für mich. Ok, eigentlich auch noch für meinen Trainer, aber das war’s dann auch schon. Bei Strava ist das anders. Im stillen Kämmerlein für sich selbst analysieren war gestern. Ab sofort kann jeder meiner Abonnenten, der sich für meine Pimperlläufe interessiert, Einsicht nehmen.

Wie jedes soziale Netzwerk lebt Strava durch Postings – in dem Fall Aktivitäten – der einzelnen Mitglieder. Was anfangs noch recht langweilig war – weil nicht viele abonniert und nicht viele Abonnenten – ist mittlerweile zu einer eigenen kleinen Community herangewachsen. Neben Freunden und Bekannten tummeln sich auf Strava auch viele fremde Gleichgesinnte. So lernt man sich mit der Zeit kennen. Sei es, weil immer wieder dieselbe Läuferin als Flyby (ein Strava-Sportler kreuzt auf der eigenen Strecke den Weg) angezeigt wird oder man sich plötzlich im realen Leben bei einem Wettkampf gegenübersteht. Strava verbindet. Claudia ist ein so ein Beispiel. Sie stammt aus Deutschland und lief 2017 den Vienna City Marathon. Anlass für unser persönliches Kennenlernen.

Gimme Kudos, please!

Ein wohl sehr wesentlicher Faktor der Plattform ist das – um wieder beim Begriff zu bleiben – Streben nach Anerkennung. Gimme Kudos, please! Kudos sind Likes, die man anderen für ihre Aktivität geben kann. Wie bei allen sozialen Netzwerken herrscht das ungeschriebene Gesetz der Reziprozität – sprich: gibst du mir, geb ich dir und umgekehrt. Wer will nicht virtuell gestreichelt und gelobt werden. Das motiviert fürs Weitermachen und zusätzlich aktiviert jedes Daumenhoch unser Belohnungszentrum im Gehirn. Förderlich für die Motivation ist außerdem, dass man quasi live mitbekommt, was alle anderen so machen. Ah, wenn der heute um fünf Uhr schon gelaufen ist, kann ich heute ja auch noch eine Runde drehen… Bei mir funktioniert das ganz gut mit Krafttraining (mittlerweile kann man so gut wie jede Sportart auf Strava manuell eingeben). Wenn ich sehe, dass Julia und Co wieder fleißig an der Langhantel waren, kommt automatisch: Krafttraining sollte auch wieder sein. Für mich notwendiges Übel. Aber gut für Läufer (eh scho wissen).

Wie bereits erwähnt, bin ich seit etwa zwei Jahren auf Strava registriert. Was anfangs recht langweilig war, ist heute aus meinen Trainingsalltag nicht mehr wegzudenken. Ich mag die Plattform. Und strebe insgeheim natürlich auch an, Queen zu sein. Heißt, auf einem bestimmten Streckenabschnitt – sprich Segment – die Schnellste zu sein und eine Krone zu bekommen. Bei meinen Haus- und Hofstrecken, auf denen sich neben sehr guten Hobbyläufern auch die besten Athleten Wiens tummeln, wird es ein Wunsch bleiben. Pokale (ein Top-Ten Platz einer Allzeit-Bestenliste eines Segments) sind zumindest ein bisschen leichter zu erstehen. Zu guter Letzt gibt es noch die Medaillen. Diese werden für persönliche Bestzeiten auf einzelnen Segmenten vergeben. Genau darum geht es doch eigentlich. Um den Vergleich mit sich selbst. Was sagt schon eine Zeit aus? Gar nichts, solange man diese nicht mit eigenen Leistungen vergleicht. Ich habe mich beispielsweise am Donnerstag mega über meine 2 x 4 Kilometer im 10 km-Wettkampftempo gefreut. Diese Pace auf die Distanz lief noch nie so gut. Bei der 10k Challenge bin ich gescheitert, aber ich spüre, dass es leichter wird. Wie gesagt, allein die Zeit sagt null aus. Mein 10er Tempo ist für andere ein easy Longjog und wiederum für andere ein 100 Meter Sprint. Damit wäre ich wieder beim Thema Vergleiche. Strava bringt automatisch mit sich, dass man sich mit anderen vergleicht. Solange man realistisch bleibt und seine eigenen Ziele weiter verfolgt, kann das durchaus positiv sein. Mehr darüber gibt es hier.

Eine weitere Eigenschaft der Plattform kann mitunter für den einen oder anderen zum Nachteil werden: Strava verbirgt nichts. Poser werden da ganz schnell entlarvt. Neue PB auf 10 km. Wow! Rechnet man die fünf Stehzeiten kurz vorm Kollabieren ab bzw. dazu, landet man ganz schnell auf dem harten Boden der Realität. Dann doch lieber zur offiziellen PB. Auch wenn’s nicht so lustig ist. Denn da gibt’s erst nach der Ziellinie die mir-is-schlecht-und-ich-kann-sitzen-solange-ich-will-Pause.

Was bleibt?

Neben dem Austausch und Kennenlernen von anderen Sportlern auf der ganzen Welt, bietet Strava den Vorteil, sich von anderen etwas abschauen zu können. Sei es im eigenen Leistungsbereich oder auch von Profiathleten. Es ist spannend zu sehen, wie sich Topläufer auf einen Wettkampf vorbereiten. Wie ihr Trainingsalltag aussieht. Welche Einheiten sie eine Woche davor noch machen und wie im Endeffekt das Rennen gelaufen ist.

Mein Fazit nach zwei Jahren Strava: Ich mag es, meine Aktivitäten zu teilen. Vielleicht mache ich mich dadurch zur gläsernen Hobbyathletin. Doch einmal ehrlich: Wenn interessiert es wirklich? Ich bin keine Spitzenläuferin, die damit ihr Geld verdient und somit vielleicht nicht alles vom Training preisgeben sollte. Schnurzpiepegal ob Queen oder doch immer nur Pony, das es nie zum Rennpferd bringt. Letztendlich muss jeder für sich selbst entscheiden, wie viel er preisgibt. Ob mit echtem Namen oder Nickname, öffentlichem Profil oder nur für Abonnenten, private Aktivität oder für alle sichtbar – es bleibt jedem selbst überlassen.

In den vergangenen Wochen habe ich immer wieder darüber nachgedacht, wie eigentlich mein Läuferleben ohne Strava ausgesehen hat. Ich bin natürlich davor schon regelmäßig gelaufen. Anstelle von Kudos habe ich mir selbst in Gedanken auf die Schulter geklopft. Es hat niemand nachgefragt, warum ich das so und so mache, welcher Sinn hinter einer Einheit steckt oder warum mein Puls beim Grundlagenlauf so hoch ist. Es gab keine Kronen, keine Rankings und keine persönlichen Bestzeiten. Damals wie heute gilt jedenfalls eines: Meine Motivation musste ich mir noch nie von außen holen. Auch nach zwei Jahren Strava nicht. Und das ist gut so.