Warum es so wichtig ist, für die Krebsforschung zu laufen

4. August 2018 0 Von Natascha Marakovits

„Hallo ich bin der Max“, sagt Maximilian Marhold und reicht mir die Hand. Obwohl wir uns noch nie zuvor gesehen haben, wissen wir beide sofort, mit wem wir es zu tun haben. Unser Erkennungsmerkmal bei unserem Blind Date: Ein türkisfarbenes T-Shirt. Darauf zu lesen: Ich laufe für die Krebsforschung.

Vor gut zwei Monaten war die 10k Challenge zu Ende. „Ein Wettlauf gegen die Zeit“, wie ich meinen bisher persönlichsten Beitrag damals getitelt habe, geht hingegen weiter. Es hat sich viel getan seither in meinem Umfeld. Die OP, das Warten auf die Befunde, auf den Beginn der Therapie. Das Thema ist allgegenwärtig und seit Kurzem mit dem Verlust der Haare auch deutlich sichtbar: Krebs. Nein, ich bin nicht Betroffene. Aber Angehörige.

40-prozentiges Risiko

„Statistisch gesehen hat jeder von uns ein 40-prozentiges Risiko irgendwann einmal in seinem Leben an Krebs zu erkranken.“ Ich schlucke, als mir Max das erzählt. „Wenn ich mit Menschen in Kontakt komme und wir auf meinen Beruf zu sprechen kommen, herrscht in den allermeisten Fällen zuerst Schweigen. Es dauert, aber irgendwann öffnen sich die Leute und sagen schließlich, dass sie selbst Betroffene oder Angehörige sind oder jemandem im Freundes- und Bekanntenkreis kennen“, erzählt er. Maximilian Marhold ist Onkologe an der Med Uni Wien. Forscht, wie er sagt, um die Krankheit irgendwann einmal chronisch werden zu lassen. „In 20 Jahren wird das der Fall sein, davon bin ich überzeugt“, sagt der 29-Jährige. Einen Großteil seiner Arbeit verbringt er jedoch nicht im Labor, sondern als Assistenzarzt im direkten Kontakt mit Patienten auf der onkologischen Ambulanz im Allgemeinen Krankenhaus (AKH) in Wien. „Heute bin ich sogar pünktlich rausgekommen“, sagt er und wischt sich die ersten Schweißperlen von der Stirn.

Es ist Dienstagnachmittag und mit über 30 Grad einer der bisher heißesten Tage in Wien. Dennoch haben wir uns das türkisfarbene T-Shirt angezogen, um gemeinsam ein paar Runden im Unicampus im Alten AKH zu drehen. Ein Plauderlauf an genau dem Ort, wo am 6. Oktober der Krebsforschungslauf stattfinden wird. Max wird zum sechsten Mal dabei sein, ich zum zweiten Mal und darf dieses Jahr sozusagen als „Laufbotschafterin“ fungieren. „Warum willst du den Lauf unterstützen? Was ist deine Geschichte zu dem Thema?“, fragt Max gleich bei der ersten Runde und ich beginne zu erzählen. „Verstehe, das ist sicher nicht leicht für dich. Das Tolle am Krebsforschungslauf ist, dass das Laufen uns alle verbindet. Betroffene und Angehörige sind genauso am Start wie ein Team von Ärzten, Krankenschwestern und Pflegern. Das Thema Krebs geht uns alle an. Es ist enorm wichtig, damit in die Öffentlichkeit zu gehen“, betont er.

Projekte ins Laufen bringen

2007 fand der erste Krebsforschungslauf statt. Das Ziel ist damals wie heute dasselbe geblieben: Einerseits mit den Start- und Rundenspenden (eine Runde ist eine Meile) möglichst viel Geld zu sammeln, um Projekte ins Laufen bringen zu können. Andererseits wolle man mit der Veranstaltung deutlich machen, wie wichtig Krebsforschung ist, um jeden einzelnen Patienten erfolgreich behandeln zu können. Und natürlich Enttabuisierung.

Bei den elf Läufen wurden bisher insgesamt rund 900.000 Euro an Spenden eingenommen. Die Hauptrollen spielen dabei einerseits Firmen, die mit ihren Teams oder als Sponsoren teilnehmen und andererseits engagierte Menschen, die privat mitlaufen. Im vergangenen Jahr waren es 2485 Teilnehmer, davon 1507 in 88 Firmenteams, die gemeinsam 12.084 Runden gelaufen sind. Rund 176.000 Euro wurden so für den guten Zweck erlaufen. Diese Gelder fließen laut Med Uni Wien zu 100 Prozent in die Krebsforschung.

Lawinensuchhunde

Vor Kurzem wurden zehn Projekte präsentiert, die nun mit einer Förderung aus diesen Spendengeldern starten werden. Die Auswahl erfolgte durch eine international besetzte Expertenjury, über 80 Projekte hatten sich beworben. Maximilian Marhold war ebenfalls darunter und zählt mit seinem Projekt „Warum Krebszellen beim Prostatakarzinom Resistenzen gegen die Hormontherapie entwickeln“ zu den Auserwählten. „Wir sind Lawinensuchhunde. Wollen etwas aufspüren, das im Verborgenen liegt“, sagt er. Dafür seien finanzielle Mittel notwendig. „In Österreich hinken wir im internationalen Vergleich leider hinterher. Daher ist eine Aktion wie der Krebsforschungslauf so wichtig. Mit einfachen Mitteln und Spaß an der Sache kann ein wertvoller Beitrag für unsere Arbeit geleistet werden.“

Mittlerweile haben wir etwa drei Runden gedreht und der Schweiß fließt entsprechend der Temperaturen in Strömen. „Jetzt haben wir uns eine flüssige Abkühlung im Schatten verdient“, meint Max und zeigt auf einen Gastgarten. Wir plaudern noch rund eine Stunde. Über mich und meine Geschichte, vor allem aber über seine Arbeit. „Ich habe schon gesagt, dass ich mich als Lawinensuchhund sehe. Ob ein Mensch an Krebs erkrankt oder nicht, ist einfach gesagt Pech. Ein Tourengeher kann sein Leben lang Lawinenwarnstufe Fünf ignorieren und ihm passiert nichts, ein anderer geht einmal auf die Piste und ihn trifft sie. Wer wann getroffen wird, wissen wir nicht, aber wir können es etwas beeinflussen, indem wir Risikofaktoren meiden. Ganz oben steht da das Rauchen. Ich will nicht mit erhobenem Zeigefinger dastehen, aber wir wissen, dass Rauchen ein wesentlicher Faktor in der Entstehung von Krebs ist.“

Dinge, die Spaß machen

Die Erzählungen von Max stimmen mich nachdenklich. „Ich habe selbst drei Monate auf der Onkologie als Psychologin gearbeitet. Dann habe ich aufgehört, weil ich es nicht gepackt habe. Daher allergrößten Respekt vor deiner Arbeit“, sage ich. Natürlich sei es nicht einfach und der Tod täglich präsent. „Um damit umgehen zu können, braucht es ein gutes Umfeld und Dinge, die einem Spaß machen. Sport gehört für mich dazu. Drei, vier Tage ohne und ich bin total unrund“, meint Max. Damit bin ich wieder bei dem, was mir eine Ärztin geraten hat: „Machen Sie Dinge, die Ihnen Kraft geben, um Kraft für andere zu haben.“ Laufen macht den Kopf frei. Vor allem in der Natur. Daher zieht es mich immer mehr auf ungewohnte, neue Pfade. Dazu nächste Woche mehr.

 

Hier gibt’s alle Infos zum 12. Krebsforschungslauf: initiative-krebsforschung.meduniwien.ac.at/krebsforschungslauf