Last Minute Ticket zum Mir-selbst-vertrauen

Last Minute Ticket zum Mir-selbst-vertrauen

8. September 2018 1 Von Natascha Marakovits

„Mir gefällt deine Leidenschaft fürs Laufen. Die spürt man einfach. Genau solche Leute brauche ich in meinem Team. Daher möchte ich dich gerne beim Berlin Marathon als neues Teammitglied vorstellen. Magst du mitkommen?“ Uff. Wäre es ein Heiratsantrag gewesen, hätte mein Herz in dem Moment wohl keinen größeren Luftsprung gemacht. Berlin? Marathon? Ich? Heuer? Jaaaaaa, ich will! Vor Freude hätte ich ins Handy brüllen können. Stattdessen habe ich mich zusammengerissen und im normalen Tonfall „Ja“ gesagt.

Am anderen Ende der Leitung: Andreas Perer, kurz Andy, Gründer und Chef von Runners Unlimited – dem größten österreichischen Sportreiseveranstalter mit Schwerpunkt Lauf- insbesondere Marathonreisen. Angefangen von den richtig großen – den Marathon Majors – bis hin zum Mount Everest Marathon oder dem Baikal Ice Marathon, das Angebot ist riesig.

Aber zurück zum besagten Telefonat. Das war am 1. August. In meinem Gehirn ratterte es. 16. September. Das ist bald. Zu bald für einen Marathon oder? Also Notrufnummer gewählt, sprich meinen Trainer angerufen und mich erst einmal beraten. Soll ich, soll ich nicht mitlaufen? Die Option wäre, dass ich ohne Startplatz mit von der Partie bin. Aber will ich in Berlin wirklich nur zuschauen, wie sich etwa 42.000 Läufer eine Party geben? Zu der sehr kurzen Vorbereitungszeit kommt außerdem, dass der Lauf meine ursprünglichen Pläne etwas, um nicht zu sagen sehr durcheinanderbringt. Dass es dieses Jahr noch ein Marathon werden soll, steht schon lange fest, aber eben erst am 2. Dezember in Valencia. Zeit genug, um sich gut darauf vorzubereiten. Dementsprechend war von Marathontraining noch keine Red‘. Zuerst den PAGT (Pitz Alpine Galcier Trail), dann erholen und dann loslegen. So war der Plan. Zumindest bis zu diesem 1. August.

„Ok, du kannst ihn locker laufen, aber keinesfalls auf Bestzeit. Sonst müsstest du danach zu lange rausnehmen und das wäre für Valencia nicht gut“, erklärt mir mein Trainer am Telefon. Klar, klingt schlüssig. Aber kann ich einen Marathon „locker“ laufen? „Wenn du es wirklich so angehst und einen Longjog daraus machst, ohne dich abzuschießen, passt das.“ Ok. „Das heißt, es geht jetzt an die langen Läufe. Drei 35er sollten wir noch unterkriegen, jetzt davor vielleicht um dich heranzutasten noch einen 30er oder 32er, dann passt das schon.“ Sehr gut. Das ist ein Deal.

Nach dem PAGT am 5. August hatte ich also wider ursprünglicher Planung quasi keine Verschnaufpause. Im Gegenteil. Die Woche drauf waren es 32, gefolgt von drei 35 km Longjogs in den Folgewochen. Daher also der nötige Biss in jüngster Vergangenheit. Am vergangenen Sonntag stand der letzte 35er am Plan und ich war an diesem Tag wirklich heilfroh, als ich die Uhr endlich abdrücken konnte. Vier Sonntage hintereinander haben ihre Spuren hinterlassen. „Du hast dich super entwickelt, aber denk dran: nicht auf Bestzeit!“, redet mein Coach mittlerweile noch immer auf mich ein. „Ich habe gar keine Erwartungen außer, dass ich einen schönen Marathon haben will. Alles andere ist mir egal. Auf PB laufe ich sicher nicht“, sage ich und weiß, wovon ich rede. Mit nicht einmal sechs Wochen Vorbereitung kann man nicht auf Bestzeit laufen. Außerdem ist der Fokus klar auf Valencia gelegt. Da ist ein Zerstören zweieinhalb Monate vorher nicht sinnvoll. Gar nicht sinnvoll.

Zurück zum Ursprung

„Kannst du dir vorstellen Pacemaker zu sein?“, fragt Andy von Runners Unlimited ein paar Tage später. Hm, im Grunde genommen ja, es kommt auf die Pace drauf an. An der Ausdauer scheitert es in der Regel nicht. Hohe Umfänge bin ich gewöhnt. Bleibt die Frage, ob ich mir diese verantwortungsvolle Aufgabe wirklich zutraue. Anfangs dachte ich super, das mache ich. Nach langem Hin und Her habe ich mich nun dagegen entschieden. Aus einem einfachen Grund: mein letzter Marathon in Amsterdam im Oktober 2017 war ein Desaster und mein bisheriges Laufjahr 2018 von einer ganzen Menge Druck bestimmt. Die 10k Challenge war nicht ohne, hat ihre Spuren hinterlassen und mir gezeigt: Stopp. Druck ja, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Sonst geht am Ende gar nichts mehr und der Spaß bleibt auf der Strecke.

In den vergangenen zweieinhalb Monaten ist enorm viel weitergegangen. Ich bin jetzt wieder auf dem richtigen Weg. Der Spaß, die Leidenschaft, all das, was Laufen für mich ausmacht, ist zurück. Mein Körper signalisiert, dass er aufnahmefähig ist, Belastungen zulässt, gut verkraftet und sie in weiterer Folge umsetzen kann. Körper und Kopf haben wieder richtig Bock drauf. Daher habe ich mich letztendlich gegen den Pacerjob entschieden. Ich werde in Berlin nur nach meinem eigenen Körpergefühl laufen und für niemand anderen Verantwortung übernehmen.

Der Berlin Marathon ist jener, wo am 27. September 2015 alles angefangen hat – ich meine Leidenschaft für die 42,195 Kilometer entdeckt habe. Genau an jenem Ort soll am 16. September diese Leidenschaft wieder im Mittelpunkt stehen. Ohne jegliche Bestzeit-Ambition, einzig und allein mit dem Ziel wieder Vertrauen in meinen Körper zu bekommen und mit wahrscheinlich klitzekleinen Freudentränen ein drittes Mal durchs Brandenburger Tor zu laufen. That’s it. Die Jagd nach einer Bestzeit kommt danach. Mal schauen, ob die Zeit von Berlin 2016 heuer noch fallen wird. Bis dahin ist noch Zeit. Genügend Zeit. Und davor gibt es die Marathonparty in Berlin.

Faszination Berlin Marathon

Der Berlin Marathon zählt zu den größten Marathons der Welt. 43.852 Läufer waren 2017 gemeldet. Mit 39.234 gab es einen Rekord an Finishern. „Das Teilnehmerlimit ist nahezu erreicht. Dies hängt vor allem mit der zur Verfügung stehenden Fläche im Start-/Zielgebiet zusammen. In diesem Jahr konnten wir aufgrund logistischer Anpassungen im Zusammenhang mit der vermehrten Nachfrage von Ponchos statt Kleiderbeuteln etwa 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mehr zulassen. Eine weitere minimale Steigerung ist für das nächste Jahr denkbar, wird aber erst nach Auswertung des diesjährigen Events fixiert“, heißt es von Veranstalterseite. In der Regel entscheidet sich per Lotterie, wer drin ist. Hat die Glücksfee daneben gegriffen, kommen Reiseveranstalter wie Runners Unlimited ins Spiel. „Der Berlin Marathon ist eines unserer Zugpferde. Die schnelle Strecke und die Stimmung sind es, die ihn so attraktiv machen“, erklärt Andy. Generell gäbe es einen Run auf die großen. „Die Majors sind über Monate hinweg ausgebucht.“

Dieses Jahr nehmen insgesamt 120 Teilnehmer über Runners Unlimited beim Berlin Marathon teil. Warum ausgerechnet Berlin? Was macht ihn so anziehend? Ich habe mir Familie Mader aus Tirol und Alexander Rotter aus Wien herausgepickt und sie nach ihren Motiven gefragt.

Die Tiroler Familie Mader hat es erst gar nicht über das Losverfahren versucht, sondern sich direkt über den Reiseveranstalter angemeldet. „Es war uns zu unsicher, ob wir alle drei einen Startplatz bekommen“, erklärt Vater Richard. Warum Berlin? „Berlin wurde von uns ausgewählt, weil er als einer der schönsten Marathons gilt. Nicht zu verachten ist, dass die Laufstrecke flach ist. Unsere Laufkollegen haben auch in den höchsten Tönen davon geschwärmt, was dann unsere Entscheidung bestätigt hat.“ Gemeinsam mit seiner Frau Sonja und Tochter Andrea wollten sie als Trio auf die Strecke gehen. Wollten, denn Andrea wird leider nur Begleitung sein. Die 21-Jährige hat sich unglücklicherweise eine Verletzung zugezogen. „Andrea ist begeisterte Fußballerin in einer Damenmannschaft. Letztes Jahr hat sie sich allerdings am Fußgelenk einige Bänder eingerissen die ihr dann heuer bei längeren Läufen noch Schmerzen bereiteten. Sicher ist sie etwas enttäuscht, dass sie nicht mitlaufen kann. Doch für uns ist es toll, dass sie trotzdem mit uns als Unterstützung dabei ist“, sagt ihr Vater. Für den 54-Jährigen wird es der erste Marathon, seine Frau Sonja hatte 2017 in Amsterdam Marathonpremiere. Diesen hatte sie sich zum 50. Geburtstag gewünscht.

Trainiert hat die Familie meist gemeinsam. „Es ist sicher nicht selbstverständlich, dass eine junge Frau mit den Eltern gemeinsam trainiert, aber wir haben immer schon unsere Kinder zum Sport animiert. Wenn sie dann kommen und sagen, Mama hast Lust gemeinsam laufen zu gehen, dann hat man als Mama Lust dazu. Es ist nett gemeinsam etwas zu unternehmen, gleichzeitig kann man sich auch noch gut über alles Mögliche unterhalten. Mit Papa wird dann über Fußball diskutiert“, sagt Richard Mader.

Der flache, schnelle Kurs ist auch für Alexander Rotter (siehe Foto oben Mitte) ausschlaggebend, warum er Berlin läuft. „Es ist ja die schnellste Strecke der Welt. Ich mag keine engen Kurven. Außerdem war ich noch nie in Berlin. Ein Marathon ist eine gute Möglichkeit sich die Stadt anzuschauen“, meint der 31-Jährige. Für den Wiener wird es der sechste und zugleich letzte Marathon für längere Zeit. „Das Training hat mich sehr gefordert. Seit Juni bereite ich mich vor, die drei Stunden zu knacken, habe erstmals einen Trainer und einen Plan. Im Monat bin ich rund 300 Kilometer gelaufen, hatte körperlich ständig irgendwelche Probleme. Dadurch habe ich den Spaß verloren. Es ging nur noch um das Erfüllen vom Plan“, gibt er zu. Ein Marathontraining im Berufsalltag unterzubringen, sei ihm auf Dauer zu anstrengend. „Die Motivation ist verloren gegangen“, sagt er. Begleitet wird Alexander von seinem Coach und seiner Freundin. „Mein Trainer fiebert mehr mit als ich“, meint er und lacht. „Ich bin fokussiert, aber nicht nervös.“

Was am Ende bleibt

Bei den Maders ist die Zeit nebensächlich. „Unsere Wunschzeit wäre etwa fünf Stunden, aber eigentlich ist das Ziel nur durchzukommen, denn ein Marathon ist schon keine Kleinigkeit“, betont der Vater. Tochter Andrea wird jedenfalls lautstark anfeuern. „Es ist schon toll jemanden im Ziel zu wissen, der uns hoffentlich stolz und sehnsüchtig erwartet.“

Ein Marathon ist immer etwas Besonderes. Egal ob der erste (Richard, der sich erstmals der Herausforderung stellt), der zweite (Sonja, die ihren Ehemann unterstützt), der sechste (Alexander, für den es gleichzeitig der letzte sein wird) oder der fünfte (für mich, um wieder Vertrauen zu gewinnen). Jeder von uns lernt sich auf den 42,195 Kilometern oder dem Weg dorthin ein Stück weit besser kennen. Wie sagte Emil Zátopek „Wenn du laufen willst, lauf eine Meile. Wenn du ein neues Leben kennenlernen willst, dann lauf Marathon.“